Das ECCHR erinnert an Peter und Cora Weiss 1925/1934 – 2025
von Wolfgang Kaleck und Claire Tixeire
Legendär. Wegweisend. Visionär. Diese in Beschreibungen von Peter und Cora Weiss so oft verwendeten Begriffe sind keine Übertreibungen. Sie waren außergewöhnlich– auch außergewöhnlich liebevoll. Gemeinsam haben sie sich gegen Apartheid, Krieg, Kolonialismus, Diktatur, Nuklearwaffen und Ausbeutung zur Wehr gesetzt.
Am 3. November 2025 verstarb Peter in New York. Er war 99 Jahre alt. Fünf Wochen später, an dem Tag, an dem er 100 geworden wäre, starb auch Cora, die 69 Jahre seine Lebenspartnerin war. Auf ihrem wechsel seitigen Engagement aufbauend, prägten sie Bewegungen und Institutionen–Inspiration für Generationen von Anwält*innen und Aktivist*innen in den USA und weltweit.
Peters langjährige Tätigkeit im Aufsichtsrat (Board) des Center for Constitutional Rights (CCR) wie des ECCHR gab uns Gelegenheit, seinen trockenen Humor zu genießen und ihn und Cora während der vergangenen zwei Jahrzehnte als Freunde zu gewinnen. Mentoren fürs Leben, eine wahre Freude und Ehre für uns beide.
Der 1925 in Wien geborene Peter floh als Teenager vor der NaziVerfolgung und kam als Geflüchteter in die USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er an der Zerschlagung der mit den Nazis verbündeten Industriebetriebe und wirkte an den Vorbereitungen der Nürnberger Prozesse mit. Diese Erfahrungen waren für ihn Ansporn, darauf zu beharren, dass die Mächtigen–ob in Staaten oder Unternehmen – zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Später formulierte er es so: „Solange die Wahrheit nicht ans Licht kommt, gibt es keinen Fortschritt auf der Welt.“
Während seiner fast 50 Jahre am New Yorker CCR, war Peter an der Entwicklung einer neuen Haltung zum Schutz der Menschenrechte beteiligt. Den Ansatz, dass sich soziale und politische Bewegungen in ihren Forderungen auf das bestehende Recht begrenzen sollten, lehnte er ab. Stattdessen argumentierte er für einen Umbau des Rechts im Dienste der Gerechtigkeit.
Wann immer Gerichte bei der Anklage von US-Staatsverbrechen versagten – von Vietnam bis zum angeblichen „Anti-Terror-Krieg“ der Bush-Administration – drängte Peter Aktivist*innen zum Blick über nationale Grenzen hinaus. Er bestand darauf, dass „die Dissident*innen von heute die Mehrheit von morgen sind.“
Gemeinsam mit dem verstorbenen Michael Ratner war Peter für die Gründung des ECCHR entscheidend. Zwischen 2004 und 2007 beschäftigten sie den Gründungsdirektor Wolfgang Kaleck als ihren Anwalt für in Deutschland und Europa geführte Verfahren–gegen Donald Rumsfeld und andere hochrangige Mitglieder der BushRegierung, des Militärs und Geheimdienstes im Zusammenhang mit Folter in Abu Ghraib und Guantánamo. Die dabei gemachten Erfahrungen sowie die vorbildliche Prozessführung professioneller Organisationen wie dem CCR und der American Civil Liberties Union (ACLU) lieferten die Inspiration, eine europäische NGO zur strategischen Menschenrechts-Prozessführung zu gründen. Das Weltrechtsprinzip war für die Vision von Peter Weiss zentral, neben der Abschaffung von Atomwaffen, für die er sich sein Leben lang einsetzte.
Auch Cora Weiss war in den sozialen Bewegungen ihrer Zeit eine zentrale Figur: Als Feministin und Friedensaktivistin hatte sie beim Frauenstreik für Frieden sowie der Massenmobilisierung gegen den Vietnamkrieg und Nuklearwaffen eine führende Rolle inne. Sie gehörte zu den Organisator*innen einiger der größten Demonstrationen jener Zeit, unter anderem die Anti-Nuklearwaffen-Kundgebung im Central Park, an der 1982 beinahe eine Millionen Menschen teilnahmen. Cora glaubte fest an die Zivilgesellschaft und die Kraft von Menschen, sich zu organisieren, durchzuhalten und so den Lauf der Geschichte zu verändern. Als spätere Präsidentin des Den Haager Friedensappels wurde sie zu einer Vorkämpferin der Friedenserziehung als Weg zu dauerhafter Veränderung.
„Ich habe einen Freund, der mich gerne provoziert, indem er sagt: ‚das Recht ist die tote Hand der Vergangenheit, die nach der Gegenwart greift‘“, erzählte Peter einer Gruppe von Jura-Studierenden. „Für gewöhnlich antworte ich dann: ‚das Recht ist das Leuchtfeuer einer Vision der Zukunft, das uns den Weg weist.‘Selbstverständlich liegen wir beide falsch. Aber meine Version ist mir trotzdem lieber.“ Sie werden uns fehlen, aber ihr Vermächtnis lebt weiter.