Michael Ratner

Michael Ratner

Das ECCHR trauert um Michael Ratner

Mit tiefer Trauer haben wir vom Tod Michael Ratners am 11. Mai 2016 erfahren. Das ECCHR verliert mit ihm einen langjährigen und wichtigen Freund, Weggefährten und Mentor.

von Wolfgang Kaleck

Michael Ratner war einer der Mitbegründer des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und hat die Arbeit unserer Organisation über viele Jahre in besonderer Weise unterstützt. Zuletzt war er Vorsitzender des ECCHR-Vorstands. Wir sind dankbar für die Zeit mit ihm und für seinen unermüdlichen und unerschrockenen Einsatz für die Menschenrechte weltweit.

Im Sommer 2004 hatte ich das Glück, Michael Ratner, damals noch Präsident des in New York ansässigen Center for Constitutional Rights (CCR), sowie Peter Weiss, den damaligen Vizepräsidenten und ihre Organisation kennenzulernen. Wir arbeiteten gemeinsam an einer Strafanzeige gegen den damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und viele andere Regierungsmitglieder, Militärs und Jurist*innen wegen der systematischen Folter im US-Gefängnis Abu Ghraib (Irak), die wir dann im November 2004 bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe einreichten. Im ersten Anlauf erreichten wir unser Anliegen, die „Architekten der Folter“ vor Gericht zu bringen, nicht. Doch wir kamen ein paar Schritte voran, versuchten es fortan in Frankreich, Spanien, Belgien und – nach der Veröffentlichung des US-Senats zur CIA-Folter im Dezember 2014 –  erneut auch in Deutschland. Wir lassen also seit 2004 in dieser Sache nicht locker.

Doch so wichtig dieser andauernde geduldige Kampf gegen die Folter auch war und ist, Michael war für uns viel mehr: Wir wurden Freunde. Er inspirierte und ermutigte uns, in Deutschland eine ähnliche Organisation wie das CCR aufzubauen. So gründeten wir 2007 das ECCHR in Berlin.

Wir wollen uns nicht mit der Tradition des 1966 gegründeten CCR vergleichen, denn die New Yorker stehen seit Jahrzehnten an der Seite zahlreicher sozialer Bewegungen, die gegen Diskriminierung in den USA und die Kriege der USA kämpften. Die Erzählungen von Michael über dieses halbe Jahrhundert waren faszinierend: Immer wieder sprach er von der Hoffnung auf große gesellschaftliche Veränderungen, die die Zeit um 1968 prägten, er beschrieb aber auch das unglaubliche Maß an Gewalt, das die USA gegen die Bewegung der Schwarzen im eigenen Land ebenso wie gegen die Befreiungsbewegungen in Mittel- und Südamerika aufwandten. Anders als viele seiner Kolleg*innen in den USA war Michael Internationalist – kein Dogmatiker, sondern einer, der aus leidvoller Erfahrung wusste, wie wichtig es, ist der Macht und der Herrschaft der USA etwas entgegenzusetzen. Dabei übersah er aber nicht die Fehler der an die Macht gekommenen Linken. Er unterstützte die Unabhängigkeit Kubas und das post-sandinistische Nicaraguas. Er versuchte, den militärischen Interventionen der USA in Grenada, El Salvador, Haiti und Nicaragua juristisch Einhalt zu gebieten. Immer wieder traf er sich mit Vertreter*innen sozialer Bewegungen wie der Landlosenbewegung in Brasilien. In den letzten Jahren waren es dann seine Kinder, auf die er so stolz war, die er bei ihrem Engagement unterstützte: Jake, der mit den Anti-Wasserprivatisierungs-Aktivist*innen im bolivianischen El Alto arbeitete und Ana im mexikanischen Oaxaca.

Diese Erfahrungen, auch die Erfahrungen der mit dieser Arbeit fast zwangsläufig verbundenen Rückschlägen und Niederlagen, brachte Michael zu uns nach Berlin. Bis zu seiner Krebserkrankung im Sommer 2015 verpasste Michael keine Beiratssitzung des ECCHR und kein Jahrestreffen mit unseren Partnerorganisationen und Alumni. So wurde er ein wichtiger Rückhalt und Kompass für uns.

Doch so sehr er sich auch unserer gemeinsamen Sache verbunden fühlte und so vieles an eigenen Bedürfnissen er zurückstellte, es war ein unaufdringliches Pflichtbewusstsein, sein Einsatz war für ihn selbstverständlich. Und – schon auf dem Krankenbett – sagte er mir, wie gerne er immer nach Berlin gekommen sei. Allerdings erwähnte er dabei nicht unsere sicherlich immer produktiven Sitzungen in freundschaftlicher Atmosphäre, vielmehr redete er von unseren Ausstellungseröffnungen und Partys. Da begegnete man ihm lange nach Mitternacht immer noch im Gespräch mit gestandenen Mitstreiter*innen ebenso wie mit den vielen jungen Kolleg*innen. Der Juristendünkel war Michael vollkommen fremd.

Bis zu seinem Tode war Michael Präsident Emeritus des CCR. Als Rechtsanwalt beriet er unter anderem WikiLeaks-Gründer Julian Assange und vertrat Guantánamo-Häftlinge.

Wenn er über das US-Gefangenenlager Guantánamo, das sieben Jahre nach dem Amtsantritt von Präsident Barack Obama immer noch nicht geschlossen ist, oder über das politische Scheitern der Linken sprach, mischte sich immer auch ein wenig Bitterkeit in seine Worte. Obwohl ihm all dies immer bewusst war, machte er weiter in seinen, in unseren Bemühungen. Nicht blind, immer nach links und rechts schauend, nie die Menschen um ihn herum vergessend.

Michael wird mir, wird uns fehlen. Deswegen trauern wir mit seiner Frau Karen und seinen Kindern Ana und Jake und all den Ratners, die in den letzten acht Monaten alles und vor allem sehr viel Liebe aufbrachten, um Michael vor dieser fürchterlichen Krankheit zu retten.