Verbrechen während der Unabhängigkeitskriege: Der Lumumba-Mord

Brüssel – (Post-)Koloniale Verbrechen – Lumumba

Nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt wurde Patrice Lumumba – erster Premierminister der Demokratischen Republik Kongo – am 17. Januar 1961 in der Region Katanga ermordet. An der Tat waren zahlreiche internationale und nationale Akteur*innen beteiligt, doch vor allem die ehemalige Kolonialmacht Belgien, die auch in den bewaffneten Konflikt nach der Unabhängigkeit der DR Kongo verwickelt war.

2001 kam eine belgische Parlamentsuntersuchung zu dem Schluss, dass Lumumbas Überführung in die feindlich kontrollierte Region Katanga mit Unterstützung belgischer Regierungsvertreter*innen organisiert worden war. Ihr Fazit: Belgien trage nach heutigem Verständnis zwar eine moralische, jedoch keine rechtliche Verantwortung. 

Gegen den ehemaligen belgischen Diplomaten und hohen Staatsbeamten Étienne Davignon wird, wegen seiner mutmaßlichen Rolle bei der Entführung und Überstellung, die zur Ermordung von Lumumba und den Ministern Maurice Mpolo und Joseph Okito führten, die Anklage zugelassen. Das hat die zuständige Kammer des Brüsseler Gerichts am 17. März 2026 in erster Instanz beschlossen. 

Fall

50 Jahre nach der Ermordung Lumumbas stellte sein Sohn gegen elf belgische Staatsbürger Strafanzeige wegen ihrer Beteiligung an dem Attentat. Dieses Strafverfahren ist anhängig. Das ECCHR unterstützte den Fall von Anfang an durch einen Amicus Curiae Brief im Jahr 2011 über die Anwendung von Verjährungsfristen.

Jahrelang stagnierte das Verfahren. Am 17. Juni 2025 beantragte jedoch die belgische Bundesanwaltschaft die Überstellung des ehemaligen belgischen Diplomaten Etienne Davignon, den einzigen noch Lebenden der elf Angezeigten, an das Brüsseler Strafgericht (Tribunal correctionnel de Bruxelles). Ihm wird vorgeworfen, an der Entführung und Ermordung Lumumbas beteiligt gewesen zu sein. Es könnte die letzte Gelegenheit für ein belgisches Gericht sein, die individuelle Verantwortung im Zusammenhang mit der Ermordung Lumumbas strafrechtlich zu untersuchen.

Am 20. Januar 2026 wurde der Fall erstmals vor dem Brüsseler Strafgericht angehört. Zu diesem Anlass schlossen sich zehn weitere Mitglieder der Enkelgeneration der Familie Lumumba der Klage an. Im März hat das Gericht angekündigt, dass die Anklage gegen Davignon zulässig ist. Das Gericht ging dabei über die Anträge der Bundesanwaltschaft hinaus, indem es das Verfahrens auch auf die Ermordung von Maurice Mpolo und Joseph Okito ausweitete, die zusammen mit Lumumba hingerichtet wurden. Der Prozess soll voraussichtlich 2027 beginnen.

Wolfgang Kaleck, Rechtsanwalt und Generalsekretär des ECCHR, wurde im Sommer 2025 offiziell als rechtlicher Beistand der Familie bestellt. Der bevorstehende Prozess ist Teil einer breiteren Bewegung für Wahrheit, Erinnerung, gesellschaftlichen Frieden und postkoloniale Gerechtigkeit.

Erstmals wird damit die Ermordung eines afrikanischen Unabhängigkeitsführers durch eine ehemalige Kolonialmacht strafrechtlich vor Gericht verfolgt. Lumumba galt westlichen Regierungen als Bedrohung ihrer Interessen und als symbolische Figur der Dekolonisierung.

Kontext

Der Fall Lumumba ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Zum einen könnte es eine der letzten Gelegenheiten sein, koloniales Unrecht strafrechtlich aufzuarbeiten und unmittelbar Beteiligte vor Gericht zu bringen. Zum anderen lassen sich schwerwiegende Verstöße gegen die Genfer Konventionen, die während der Entkolonialisierung begangen wurden, als Kriegsverbrechen einstufen. Belgien wie auch die DR Kongo waren zum Zeitpunkt des Mordes Vertragsstaaten dieser Konventionen. Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts forderten Jurist*innen eine völkerstrafrechtliche Verantwortlichkeit für Kriegsverbrechen in bewaffneten Konflikten – andernfalls blieben zahlreiche während der Kolonialzeit begangene Verbrechen straflos.

Die strafrechtliche Untersuchung der Ermordung Lumumbas steht im größeren Kontext der weitgehenden Straflosigkeit für Verbrechen europäischer Kolonialmächte während der Dekolonisierung. Während die Folgen kolonialer Herrschaft bis heute fortwirken, sind die Verantwortlichen oft nicht mehr zur Rechenschaft zu bringen.

In vielen Ländern – auch in Belgien – wird derzeit über Wahrheitskommissionen und andere Mechanismen zur Aufarbeitung von Kolonialverbrechen diskutiert. 

Die offizielle Rückgabe der sterblichen Überreste von Patrice Émery Lumumba im Juni 2022 an seine Familie war ein wichtiger Moment des Gedenkens. Seit der Strafanzeige 2011 kämpft die Familie unermüdlich für Gerechtigkeit – nicht nur für Patrice Lumumba, sondern auch für seine Gefährten Maurice Mpolo und Joseph Okito sowie alle Opfer der Kolonialisierung.

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Amicus Curiae Brief

Ein Amicus Curiae Brief ist ein Schriftsatz an ein Gericht, mit dem man eine rechtliche Stellungnahme einreicht.

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Kriegsverbrechen

Gezielte Angriffe auf Zivilpersonen; Folter von Gefangenen; sexuelle Sklaverei – wenn diese und weitere Verbrechen in bewaffneten Konflikten begangen werden, handelt es sich laut dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshof um Kriegsverbrechen. Auch wenn die internationale Strafjustiz Möglichkeiten bietet, Kriegsverbrechen zu verfolgen, werden die Verantwortlichen dafür allzu oft nicht belangt.

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