Gerechtigkeit für Lumumba: Belgisches Gericht lässt Anklage gegen Davignon wegen Ermordung zu

17.03.2026

Brüssel, 17. März 2026. Gegen den ehemaligen belgischen Diplomaten und hohen Staatsbeamten Étienne Davignon wird, wegen seiner mutmaßlichen Rolle bei der Entführung und Überstellung, die zur Ermordung von Patrice Émery Lumumba führten, die Anklage zugelassen. Das hat die zuständige Kammer des Brüsseler Gerichts heute in erster Instanz beschlossen.

Der letzte noch lebende mutmaßliche Täter muss sich nach mehr als sechs Jahrzehnten der Straffreiheit nun vor dem Brüsseler Gericht für Kriegsverbrechen im Zusammenhang mit dem Mord an Lumumba am 17. Januar 1961 verantworten. In dieser bedeutenden Entscheidung ging das Gericht über die Anträge der Bundesstaatsanwaltschaft hinaus, indem es das Verfahren auch auf die Ermordung von Maurice Mpolo und Joseph Okito ausweitete, die zusammen mit Lumumba hingerichtet wurden.

Die Familie Lumumba begrüßt die historische Entscheidung, die einen lange versperrten Weg zu Wahrheit, Rechenschaft und Anerkennung für ein Verbrechen ebnet, das die Geschichte sowohl des Kongo als auch Belgiens tiefgreifend geprägt hat. Als erster demokratisch gewählter Premierminister der Demokratischen Republik Kongo gilt Lumumba bis heute weltweit als Symbolfigur der afrikanischen Unabhängigkeits- und antikolonialen Bewegungen. Maurice Mpolo, Minister für Jugend und Sport, und Joseph Okito, Vizepräsident des Senats, waren ebenfalls zentrale politische Persönlichkeiten im neu unabhängigen kongolesischen Staat.

Mehr als sechzig Jahre nach dem Attentat haben sich im Januar 2026 zehn weitere Mitglieder der Familie – allesamt Enkelkinder von Patrice Lumumba – dem Verfahren als Zivilparteien angeschlossen. Das unterstreicht den generationsübergreifenden Charakter der Forderung nach Gerechtigkeit:

„Wir begrüßen die Eröffnung dieses Verfahrens als einen bedeutenden Schritt – einen Schritt, der, wenn auch verspätet, das Gewicht der Entscheidungen anerkennt, die gegen das Leben von Patrice Emery Lumumba getroffen wurden. Wir verwenden das Wort ‚Gerechtigkeit‘ nicht leichtfertig. Viele, die diese Ereignisse miterlebt haben und sowohl die Wahrheit als auch das Schweigen darüber in sich trugen, sind nicht mehr unter uns. Die sechs verstrichen Jahrzehnte allein sind schon eine Wunde. Und doch sind wir heute hier.

Mit dem heutigen Tag beginnt das belgische Rechtssystem endlich, sich seiner eigenen Verantwortung für Taten zu stellen, die im Namen der Kolonialherrschaft begangen wurden. Für unsere Familie ist dies nicht das Ende eines langen Kampfes, sondern der Beginn einer von der Geschichte schon lange geforderten Aufarbeitung. Wir sind überzeugt, dass dieser Moment für den Kongo, für Afrika und für alle ehemaligen Kolonien eine Bedeutung hat, die über unseren Namen hinausweist. Er bestätigt, was wir schon immer gewusst haben: Die Verbrechen der Kolonialherrschaft sind keine Abstraktionen. Sie haben Gesichter – und Familien und Nationen, die unter den Konsequenzen der Zerstörung ihrer Zukunftsvision leiden. Wir werden dieses Verfahren mit aller gebotenen Wachsamkeit verfolgen. Was wir von diesem Gericht verlangen, ist einfach: die Wahrheit, laut und offen ausgesprochen, festgehalten in den Akten der Justiz und der Geschichte“, sagt die Familie Lumumba.

Die Entscheidung markiert einen historischen Moment in der Aufarbeitung von Kolonialverbrechen. Während die Folgen der kolonialen Gewalt bis heute nachwirken, blieben die Verantwortlichen oft durch den Lauf der Zeit, institutionelle Trägheit und politische Zurückhaltung ungestraft. Jetzt werden der Mord an einem afrikanischen Unabhängigkeitsführer sowie die mutmaßliche Beteiligung von Vertretern der damaligen Kolonialmacht zum ersten Mal vor einem Strafgericht verhandelt.

Christophe Marchand, Anwalt der Familie Lumumba, ergänzt: „Dieses Urteil bestätigt, dass der Lauf der Zeit die rechtliche Verantwortung für schwerste Verbrechen nicht auslöschen kann. Seit Jahrzehnten gilt die Ermordung von Patrice Lumumba als politisches Verbrechen von immenser historischer Bedeutung. Trotzdem blieb sie der Strafjustiz bislang vorenthalten. Heute haben die belgischen Gerichte bestätigt, dass solche Verbrechen letztendlich vor Gericht verhandelt werden müssen.“

Jehosheba Bennett, die ebenfalls die Familie Lumumba vertritt, betont: „Die Dekolonisierung war nicht nur ein politischer Prozess – es war auch eine Zeit, die von Gewalt geprägt war, die sich innerhalb der völkerrechtlichen Ordnung vollzog. Die Entscheidung des Gerichts sendet eine klare Botschaft: Schwere Verstöße gegen die Genfer Konventionen, die in diesem Zusammenhang begangen wurden, sind nicht bloß historische Ereignisse. Es handelt sich um Kriegsverbrechen, die strafrechtlich verfolgt werden können und müssen.“

Wolfgang Kaleck, Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) sowie Rechtsbeistand der Familie Lumumba unterstreicht, dass die Entscheidung des Gerichts auch 65 Jahre nach der Tat einen entscheidenden Schritt für das Recht der Angehörigen auf Wahrheit und Gerechtigkeit darstellt: „Lange Zeit wurde kein einziger Mensch und kein Staat – sei es Belgien, der Kongo oder die USA – für den brutalen Mord an Lumumba und für unzählige andere Kolonialverbrechen zur Rechenschaft gezogen. Doch Étienne Davignon nach Jahrzehnten der Straflosigkeit vor Gericht zu stellen, ist ein historischer Präzedenzfall in der Strafjustiz für den europäischen Kolonialismus.“

Der Prozess soll voraussichtlich 2027 beginnen.

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