Kriegsverbrechen in Mariupol: Gerechtigkeit für litauischen Filmemacher

Ukraine – Kriegsverbrechen – Mariupol

Der litauische Filmemacher Mantas Kvedaravičius wurde im Frühjahr 2022 bei dem Versuch, Zivilist*innen aus Mariupol zu evakuieren, von pro-russischen Milizen festgenommen und wenige Tage später ermordet aufgefunden. Die ukrainische Stadt war zu dem Zeitpunkt durch russische Truppen belagert, die mit äußerster Härte gegen die Zivilbevölkerung vorgingen. Seiner Verlobten Hanna Bilobrova gelang es, Mantas Leiche zu bergen und an die litauischen Ermittlungsbehörden zu überführen. Das ECCHR unterstützt die Aufklärung des Falls mit dem Ziel, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Fall

Mantas Kvedaravičius, litauischer Filmemacher und Sozialanthropologe, forschte jahrelang über das Leben in postsowjetischen Konfliktgebieten und verarbeitete dies in seiner künstlerischen Arbeit zu Tschetschenien und der Ukraine. Mit dem preisgekrönten Dokumentarfilm Mariupolis (2016) dokumentierte er das Leben in dem von pro-russischen Separatisten angegriffenen Mariupol. Im März 2022, kurz nach Ausweitung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, kehrten Mantas und seine Verlobte Hanna Bilobrova in das zu diesem Zeitpunkt bereits unter schweren Bombenangriffen und Artilleriebeschuss stehende Mariupol zurück, um die Bewohner*innen der Stadt zu unterstützen und den zweiten Teil von Mariupolis zu drehen.

Beim Versuch, Zivilist*innen aus der Stadt zu evakuieren, wurden Mantas und ein Begleiter von pro-russischen Milizen – mutmaßlich Soldaten der sogenannten Volksrepublik Donezk (DNR) – festgenommen. Wohl aufgrund seiner litauischen Identität und der falschen Unterstellung, dass er in Kriegshandlungen involviert gewesen sein könnte, wurde er in Haft behalten und verstarb unter bisher ungeklärten Umständen. 

Nach einigen Tagen der Suche fand Hanna Mantas Leiche unweit des Ortes, an dem er festgenommen worden war. Trotz der Kampfhandlungen vor Ort, gelang es ihr, die Leiche zu bergen und an die litauischen Ermittlungsbehörden zu überführen. Nach Mantas Tod stellte Hanna mit Unterstützung der Filmeditorin Dounia Sichov Mariupolis 2 fertig. Dabei verwendeten sie die Aufnahmen, die Hanna und er vor Ort gemacht hatten und die später aus dem besetzten Mariupol herausgeschmuggelt wurden.

Das ECCHR unterstützt die Aufklärung des Falls und Hannas Kampf für Gerechtigkeit mit dem Ziel, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Durch die von Hanna auf ihrer Suche gesammelten Informationen und eine digitale Open-Source-Recherche der Justice & Accountability Unit, einer gemeinsamen Initiative von Bellingcat und dem Global Legal Action Network, konnte Beweismaterial zu potentiellen Tätern und Zeug*innen identifiziert werden, das das ECCHR den litauischen Behörden zur Verfügung stellt. 

Kontext

Im Angriffskrieg gegen die Ukraine begeht Russland schwerste Verletzungen des Völkerrechts. Neben dem internationalen Verbrechen der Aggression, das vom russischen Regime durch die Invasion der Ukraine begangen wird, gibt es zahlreiche Berichte über Entführungen, Folter und Tötung von ukrainischen Zivilist*innen sowie über flächendeckende sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt. Das ECCHR arbeitet gemeinsam mit Betroffenen und Partner*innen aus der Ukraine an ausgewählten Fällen, um Verantwortliche für diese Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.

Der Fall Mantas und das Schicksal Mariupols sind exemplarisch für russische Kriegsverbrechen und Angriffe auf die Zivilbevölkerung: Die monatelange Belagerung und Bombardierung ziviler Infrastruktur in Mariupol führte zu immenser Zerstörung und tausenden zivilen Opfern. Auswege gab es kaum: Die Evakuierung von Zivilist*innen aus der belagerten Stadt war lange Zeit praktisch unmöglich. So war Mariupol zwischen Februar und April 2022 mutmaßlich der tödlichste Ort in der gesamten Ukraine.

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Glossar (1)

Definition

Kriegsverbrechen

Kriegsverbrechen sind schwere Verstöße gegen das in internationalen und nicht internationalen bewaffneten Konflikten anwendbare Völkerrecht. Sie zählen zu den Kernverbrechen des Völkerstrafrechts und unterliegen dem Weltrechtsprinzip. Als Kriegsverbrechen zählen z.B. vorsätzliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung oder zivile Objekte wie Krankenhäuser und die Verwendung von Gift- oder chemischen Waffen.

Themen (2)

Einblick

Kriegsverbrechen

Gezielte Angriffe auf Zivilpersonen; Folter von Gefangenen; sexuelle Sklaverei – wenn diese und weitere Verbrechen in bewaffneten Konflikten begangen werden, handelt es sich laut dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) um Kriegsverbrechen. Auch wenn die internationale Strafjustiz Möglichkeiten bietet, Kriegsverbrechen zu verfolgen, werden die Verantwortlichen dafür allzu oft nicht belangt.

Anspruch und Wirklichkeit des Völkerstrafrechts klaffen weit auseinander: zwar wurden Prozesse gegen Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, Ruanda oder der Demokratischen Republik Kongo geführt. Dennoch – noch nie saß ein*e Politiker*in oder Militärangehörige*r eines westlichen Staates auf der Anklagebank des IStGH oder eines UN-Sondertribunals. Die Doppelstandards der internationalen Strafjustiz verhindern nicht selten die Durchsetzung universeller Menschenrechte.

Zur Aufarbeitung bewaffneter Konflikte und Kriege, in denen alle Parteien Kriegsverbrechen begehen, ist es essentiell, dass gleiches Recht für alle gilt. Das ECCHR setzt sich dafür ein, dass Kriegsverbrechen wie die Misshandlung irakischer Gefangener von britischen Truppen oder Folter in syrischen Geheimdienstgefängnissen strafrechtlich aufgearbeitet werden. Mithilfe juristischer Interventionen nach dem Weltrechtsprinzip, Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof oder auch vor nationalen Gerichten nutzt das ECCHR die verfügbaren Mittel und Wege, um der Straflosigkeit für Kriegsverbrechen ein Ende zu setzen.

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