Nach dem Sturz Muammar Gaddafis im Jahr 2011 trat Libyen in eine Phase politischer Zersplitterung und wiederkehrender bewaffneter Konflikte ein. Im Westen Libyens entwickelte sich die SDF/RADA zu einem der einflussreichsten bewaffneten Akteure in Tripolis. Als zentraler Bestandteil ihrer Machtkonsolidierung hat die SDF/RADA die Kontrolle über das Mitiga-Gelände aufrechterhalten, zu dem ein Flughafen, weitere strategische Einrichtungen und ein Gefängniskomplex gehören, in dem Libyer sowie Geflüchtete willkürlich inhaftiert und systematisch misshandelt werden.
Geflüchtete, die im Mitiga-Gefängnis landen, gelangen dorthin durch Menschenhandel oder Sklavenhandel, durch gewaltsame Abfangaktionen auf See und erzwungene Rückführung in libysche Haft oder durch Entführung durch bewaffnete Gruppen. Für sie ist das Mitiga-Gefängnis Teil einer umfassenderen Industrie der Migranteninhaftierung in Libyen, in der Menschen systematisch zu Waren gemacht und für Arbeit, Profit und Macht innerhalb der Konfliktwirtschaft des Landes missbraucht werden.
Es handelt sich hierbei nicht um eine Reihe isolierter Missbräuche, sondern um eine koordinierte Politik der Eindämmung. Libysche und europäische Akteure leisten jeweils wesentliche Beiträge zu einem gemeinsamen Plan: Menschen auf See abzufangen, sie nach Libyen zurückzuschicken und einen Kreislauf aus Gewalt und Ausbeutung an Land aufrechtzuerhalten. Europäische Institutionen und Staaten stellen Schiffe, Ausbildung und operative Koordination bereit – und das alles in voller Kenntnis der Konsequenzen.
El Hishri ist nicht der einzige im Zusammenhang mit Mitiga stehende Verdächtige, der vom IStGH gesucht wird. Im Januar 2025 verhaftete Italien Osama Elmasry Njeem aufgrund eines Haftbefehls des IStGH, schickte ihn jedoch kurz darauf nach Libyen zurück, was die anhaltenden Herausforderungen bei der Sicherstellung staatlicher Zusammenarbeit und Rechenschaftspflicht für internationale Verbrechen in Libyen unterstreicht.