In der heutigen Plenarsitzung streitet der Deutsche Bundestag über die
vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama im
heutigen Namibia von 1904 bis 1908. Die Völkermorde waren die ersten des 20.
Jahrhunderts.
Jeweils zwei Vertreter:innen der Ovaherero Traditional Authority (OTA) und der Nama
Traditional Leaders Association (NTLA), der beiden wichtigsten Vertreterorganisationen
dieser Völker, wohnen auf Einladung der Bundestagsfraktion Die Linke der Plenardebatte bei.
Der Parlamentsantrag wurde in direkter Abstimmung mit OTA und NTLA erarbeitet.
Seit 2015 handelt die Bundesregierung mit der namibischen Regierung ein sogenanntes
Versöhnungsabkommen aus. Von Beginn an ausgeschlossen sind die betroffenen
Gemeinschaften selbst. Das Abkommen sieht keine vollumfängliche Anerkennung des
Völkermordes, Entschuldigung und Reparationen an die Nachfahr:innen vor, sondern
lediglich die Zahlung eines „Wiederaufbaufonds“ an die namibische Regierung. Von den
Betroffenenverbänden werden diese Verhandlungsergebnisse mehrheitlich als unmoralisch
und unrechtmäßig abgelehnt.
Paramount Chief Mutjinde Katjiua, Oberhaupt der Ovaherero Traditional Authority:
„Deutschland steht vor einer klaren Wahl: das Unrecht fortzuschreiben – oder der
Menschenwürde gerecht zu werden durch die vollumfängliche Anerkennung des Völkermords
an den OvahHerero und Nama und durch glaubhaftes, wiedergutmachendes Handeln.“
Gaob Daniel Timotheus Frederick, Mitglied der Nama Traditional Leaders Association:
„Deutschlands Handeln im heutigen Namibia zeugt von einer kolonialen Kontinuität. Raubten
die Deutschen früher unser Land für ihre Viehzucht und Diamantenminen, so rauben sie uns
heute die Ressourcen zur Befriedigung ihres Energiehungers. Doch es kann kein gerechtes
Wirtschaften ohne indigene Gerechtigkeit geben.“
Julia Manek, Referentin für südliches Afrika bei der Hilfsorganisation medico
international: „Es stünde dem Bundestag gut zu Gesicht, die barbarische Gewalt des
Kaiserreiches klar zu benennen und zu verurteilen. Für die Nachfahr:innen der Opfer würde
dieser Schritt Großes bedeuten: die Aussicht auf eine Wiederherstellung ihrer Würde als
Gemeinschaft und die ihrer Lebensgrundlagen. Der Bundestag muss die vollumfängliche
Anerkennung des Völkermords beschließen – samt entschädigungsrelevanter Entschuldigung
und direkter Teilhabe der OvaHerero und Nama.“
Charlotte Neuhäuser (MdB), Sprecherin für Globale Gerechtigkeit der
Bundestagsfraktion Die Linke: „Weil die Nachfahr:innen der Opfer bis heute Gerechtigkeit
einfordern und dabei von beiden Regierungen systematisch aus den Wiedergutmachungsverhandlungen
ausgeschlossen werden, gibt unser im Bundestag eingebrachte Antrag den OvaHerero und Nama
eine laute Stimme. Ausgearbeitet in engerZusammenarbeit mit den Communities,
trägt er ihre Forderungen – aus Namibia und aus der Diaspora – ins Herz der deutschen Demokratie.“
Historischer Hintergrund
Zwischen 1904 und 1908 führte das Deutsche Kaiserreich in der Kolonie „Deutsch-
Südwestafrika" Vernichtungsfeldzüge gegen OvaHerero und Nama durch. Gegen beide
Völker erließ Generalleutnant Lothar von Trotha schriftliche Vernichtungsbefehle, in deren
Folge rund 80 Prozent der OvaHerero und etwa die Hälfte der Nama getötet wurden.
Konzentrationslager wie auf der Haifischinsel und Zwangsarbeit waren Teil des
Vernichtungsbestrebens. Diesen ersten Genoziden des 20. Jahrhunderts fielen auch
Angehörige der Damara und San zum Opfer.
Die Folgen wirken bis heute fort: Die Nachfahr:innen der Überlebenden Nama, OvaHerero,
Damara und San kämpfen nicht nur gegen die generationsübergreifende vererbte Armut, in
die sie gezwungen wurden, während eine kleine Minderheit aus weißen, insbesondere
deutschsprachigen Siedlernachfahren in Namibia weiterhin rund 70 Prozent des Agrarlandes
besitzt. Sie müssen sich auch gegenüber deutsch-nationalistischen Siedlerverbänden mit
Verbindungen zur AfD behaupten.
Über das Bündnis
Das transnationale Bündnis „No Amnesty on Genocide! / Völkermord verjährt nicht!" setzt
sich seit seiner Gründung 2011 – anlässlich der ersten Rückgabe von menschlichen Gebeinen,
die für rassistische Forschung nach Deutschland verschleppt worden waren – für
Anerkennung, Entschuldigung und Wiedergutmachung ein.
Die Frankfurter Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international, 1997 mit dem
Friedensnobelpreis ausgezeichnet, arbeitet mit der OTA und der NTLA zusammen und
unterstützt sie bei ihrem Vorhaben. medico international ist Teil des Bündnis Völkermord
verjährt nicht
Hinweis für Redaktionen
Instagram: Völkermord verjährt nicht (@verjaehrtnicht)
Webseite: http://genocide-namibia.net/en/main/
Fotoprotest: 14.10.2026, 14.00, Friedrich-Ebert-Platz 2, 10117 Berlin
Debatte im Bundestag: 14.10.2026, 20.15 Uhr (die Agenda der Sitzung des
Bundestages verändert sich ständig, bitte informieren Sie sich regelmäßig über den
aktuelle Zeitplan)
Ausstellung: Fractured Lifeworlds, Spore Initiative Berlin
Bericht: “Wie man sich (nicht) entschuldigt”
Strategiepapier: “Das Irreparable reparieren?”
Argumentationsleitfaden: „Reparationen für den Genozid in Namibia?“