Syrien - Folter - Luftwaffengeheimdienst

Syriens Luftwaffengeheimdienst – die "rechte Hand" der Präsidentenfamilie al-Assad

Deutsche Justiz muss Haftbefehle gegen Assads Führungsriege erlassen

Syrien - Folter - Luftwaffengeheimdienst

Syriens Luftwaffengeheimdienst – die "rechte Hand" der Präsidentenfamilie al-Assad

Deutsche Justiz muss Haftbefehle gegen Assads Führungsriege erlassen

Saydnaya, al-Mezzeh, die Aleppo-Abteilung – diese Gefängnisnamen sind für zehntausende Menschen in Syrien schon seit Jahrzehnten Synonyme für systematische Erniedrigung, unvorstellbare Folter und Massenhinrichtungen. Verantwortlich für die Verbrechen sind ranghohe Funktionäre der Regierung von Präsident Baschar al-Assad. Um der anhaltenden Straflosigkeit für diese Verbrechen entgegen zu wirken, hat das ECCHR gemeinsam mit Folterüberlebenden im November 2017 beim Generalbundesanwalt (GBA) in Karlsruhe zwei Strafanzeigen zu Völkerrechtsverbrechen der Regierung Assad eingereicht. Erarbeitet hat die Anzeigen das ECCHR in Zusammenarbeit mit den syrischen Anwälten und Aktivisten Anwar al-Bunni (Syrian Center for Legal Studies and Research, SCLSR) und Mazen Darwish (Syrian Center for Media and Freedom of Expression, SCM) und mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung.

Der Fall

Die angezeigten Taten – darunter vorsätzliche Tötung, Verfolgung, Folter und Bestrafung ohne ordentliches Gerichtsverfahren – wurden an Gefangenen des Luftwaffengeheimdiensts, im Militärkrankenhaus Tishreen sowie im militärischen Feldgericht zwischen Dezember 2011 und Juni 2014 begangen. Die Strafanzeige richtet sich gegen sieben hochrangige Angehörige des syrischen Militärs, darunter Verteidigungsminister Generalleutnant Fahd Jasim al-Furayj und Militärstaatsanwalt Brigadegeneral Mohammed Hassan Kenjo sowie gegen die Leiter der Militärpolizei und des Militärgefängnisses. Zwei der Anzeigenerstatter sind Yazan Awad, der vier Monate in der al-Mezzeh-Ermittlungsabteilung des Lufwaffengeheimdiensts gefoltert wurde, und Shappal Ibrahim, der anderthalb Jahre Haft im Militärgefängnis Saydnaya überlebt hat.

Kontext

Die beiden Anzeigen ergänzen die Strafanzeigen und Beweismittel von Folterüberlebenden aus Syrien im März sowie der Gruppe um "Caesar", Ex-Mitarbeiter der syrischen Militärpolizei, im September 2017. Nach Ansicht des ECCHR und der syrischen Partnerorganisationen SCLSR und SCM, kann Deutschland einen wichtigen Beitrag leisten, um der Straflosigkeit in Syrien ein Ende zu setzen. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe nutzt das Weltrechtsprinzip und ermittelt bereits seit 2011 zu Folter unter Syriens Präsident Baschar al-Assad.

Personen

Strafanzeige von syrischen Folterüberlebenden wegen Folter im Militärgefängnis Saydnaya und durch durch Syriens Luftwaffengeheimdienst: "Es herrschte Angst und Hilflosigkeit. Viele wünschten sich, zu sterben." Hier finden Sie die Kurzportraits der Anzeigenerstatter_innen.

Zeuge 24 (im Folgenden Z 24 genannt) ist 30 Jahre alt und studierte Ingenieurwesen in Damaskus. Als Aktivist engagierte er sich seit Beginn in der Protestbewegung gegen die Regierung Assad und war unter anderem in einer Organisation zur Unterstützung von Gefangenen aktiv. Im November 2011 wurde Z 24 zusammen mit drei Freunden festgenommen. Die Leiche eines der Freunde erkannte Z 24 auf den "Caesar-Fotos". Z 24 verbrachte viereinhalb Monate in verschiedenen Gefängnissen der al-Mezzeh-Ermittlungsabteilung des Luftwaffengeheimdienstes. Er wurde dort so schwer gefoltert, dass er sich nach seiner Entlassung und Flucht in Deutschland einer Operation unterziehen musste. Als er in der al-Mezzeh-Ermittlungsabteilung ankam, so berichtete Z 24, wurde er mehrere Stunden lang mit Kabeln und Stöcken, deren Spitzen mit Nägeln versehen waren, gefoltert. Dabei brachen die Wächter Z 24 den Kiefer. Da er nicht medizinisch versorgt wurde, konnte er wochenlang nicht essen. Er war darauf angewiesen, dass ihm Mitgefangene das karge Essen vorkauten. Immer wieder wurde Z 24 gefoltert – dabei wurde er regelmäßig mit Elektroschocks traktiert. Dem ECCHR gegenüber beschrieb er auch die "Shabeh"-Methode, bei der ihm die Wächter die Hände auf den Rücken festbanden und ihn dann an den Handgelenken an der Decke aufhängten. Z 24 floh zunächst nach Ägypten und kam über das Mittelmeer nach Europa. Er lebt nun mit seiner Frau in Deutschland.

Zeuge 20 (im Folgenden Z 20 genannt) ist Kurde, 51 Jahre alt und lebte vor seiner Festnahme in Afrin nördlich von Aleppo, wo er als Taxifahrer arbeitete. Ab Oktober 2011 nahm er an Demonstrationen gegen die Assad-Regierung teil. Eines frühen Morgens im März 2012, als er gerade seine Taxischicht beendete, wurde Z 20 vom politischen Geheimdienst festgenommen. Ein Freund, Zeuge 21 (siehe unten), war unter Folter dazu gezwungen worden, den Namen und die Adresse von Z 20 zu nennen. Er wurde unter anderem 77 Tage lang in der Aleppo-Abteilung des Lufwaffengeheimdiensts gefangen gehalten, bevor er in einem Frachtflugzeug mit Z 21 und anderen Gefangengen von Aleppo nach al-Mezzeh geflogen wurde. Z 20 beschreibt den Luftwaffengeheimdienst als den zweifellos brutalsten der insgesamt vier Geheimdienste in Syrien. "Als wir in die al-Mezzeh-Ermittlungsabteilung gebracht wurden, empfing man uns mit den Worten: Ihr seid jetzt in der Hölle", berichtete Z 20 dem ECCHR. Einen Teil der Haft verbrachte er in einer Einzelhaftzelle, in der aber zeitweise bis zu acht Menschen gefangen gehalten wurden, sodass sie gezwungen waren zu hocken. Es habe kein Licht gegeben, nur eine schwarze Eisentür mit einer Luke, die geöffnet wurde, wenn es etwas zu essen gab. Rund um die Uhr habe er die Schreie anderer Gefangener gehört. In den Gefängnissen des Luftwaffengeheimdienstes seien er und die anderen Gefangenen regelmäßig gedemütigt und gefoltert worden. In der al-Mezzeh-Abteilung für Spezialoperationen wandten die Wächter die "Falaqa"-Methode an: Z 20 musste auf dem Bauch liegen, während ihn die Wächter mit Schlägen auf die Fußsohlen quälten. Einmal brachen sie ihm den rechten Fuß. Medizinisch behandelt wurde Z 20 daraufhin nicht. "Es kam auch vor, dass ich meine Arme nach vorne ausstrecken musste und sie dann mit dem grünen PVC-Rohr, genannt Lakhdar Brahimi, draufschlugen", ergänzt er. Im Juni 2013 floh Z 20 nach Istanbul. Mittlerweile lebt er zusammen mit seiner Familie in Deutschland.

Auch Zeuge 21 (im Folgenden Z 21 genannt) nahm ab 2011 bis zu seiner Festnahme an mehreren Demonstrationen in Aleppo teil. Im Februar 2012 nahm ihn der politische Geheimdienst fest. Unter schwerer Folter wurde Z 21 gezwungen, den Namen von Z 20 preiszugeben und die Geheimdienstmitarbeiter zusammen mit einigen Angehörigen von Assads Shabiha-Miliz zu seinem Wohnsitz zu führen. Z 21 war unter anderem in der Aleppo-Abteilung und der al-Mezzeh-Ermittlungsabteilung inhaftiert. In der Aleppo-Abteilung sah er kurz seinen ebenfalls inhaftierten Bruder. Z 21 wurde unzählige Male gefoltert. In der al-Mezzeh-Ermittlungsabteilung wurde er unter anderem mit Flaschen, die zum Teil voll gefrorenem Wasser waren, geschlagen. Dem ECCHR gegenüber berichtete er auch, wie die Wächter mehrfach die "Dulab"-Methode einsetzten. Dabei musste sich Z 21 mit Armen und Beinen in einen Autoreifen zwängen, sodass er den Schlägen des Wärters völlig ausgeliefert war. Zur körperlichen Folter kam die psychische Folter, an deren Folgen Z 21 bis heute besonders leidet. Während der Haft beim Luftwaffengeheimdienst wurde er mehrfach Zeuge schwerer sexualisierter Gewalt. Einmal habe er in einer sogenannten "Kühlzelle" vier aufgehängte nackte Männer gesehen und gehört. Mit anhören zu müssen, wie andere gefoltert wurden, sei das Schlimmste für ihn gewesen. Z 21 lebt heute mit seiner Familie in Deutschland.

Zeugin 17 (im Folgenden Z 17 genannt) lebte in Damaskus und ist Sunnitin. Als die Regierung von Präsident Baschar al-Assad im Jahre 2011 die friedlichen Proteste im Land niederschlagen ließ und immer mehr Menschen innerhalb Syriens auf der Flucht waren, engagierte sich Z 17 in Duma, einem Stadtteil im Nordosten Damaskus, in der medizinischen Versorgungshilfe für die Binnengeflüchteten. Wegen dieses Engagements geriet sie ins Visier des Luftwaffengeheimdienstes und wurde schließlich verhaftet. Die heute 35-Jährige war in der al-Mezzeh-Abteilung für Spezialoperationen und in der al-Mezzeh-Ermittlungsabteilung des Luftwaffengeheimdienstes inhaftiert. Sie wurde mehrfach gefoltert. Etwa 15 Tage nach der Verhaftung musste sie in der al-Mezzeh-Ermittlungsabteilung die Folter eines ihr bekannten Mannes mit ansehen. Danach wurde sie selbst bewusstlos geschlagen. Als sie wieder zu sich kam, fühlte sich ihr Rücken wie gebrochen an. Außerdem war sie zwei Monate lang auf einem Ohr taub. Und dies sei nur der Anfang gewesen, berichtete Z 17 dem ECCHR: In den folgenden neun Monaten wurde die Frau regelmäßig beschimpft, gedemütigt und geschlagen. Immer wieder wurde Z 17 Zeugin, wie Frauen und Männer gefoltert wurden. Sie musste die verzweifelten Schreie der anderen Gefangenen mit anhören. Eines Tages sah sie auf dem Weg zur Toilette einen Raum, in dem sechs Männer von der Decke hingen und von deren Körper Blut floss. Als der Wächter das bemerkte, schlug er Z 17 zu Boden. Dieser war voller Blut, da die Gefangenen nach der Folter oft bewusstlos oder tot über den Flur zurück in die Zelle gezerrt wurden. Gegenüber dem ECCHR berichtete Z 17 auch von den entsetzlichen Haftbedingungen in al-Mezzeh: "Eine Zelle war im Keller. Dort roch es nach Blut und Tod". Überall waren Kakerlaken, Ameisen und anderes Ungeziefer, fast alle Inhaftierten bekamen Hautkrankheiten wie Krätze. Zu essen, berichtete die Frau, bekam sie verschimmeltes Brot, halbgaren Reis und verschmutzte Tomatensauce. Einfache Bedürfnisse, wie der Gang zur Toilette, wurden zur Tortur: Mal wurden die Gefangenen dabei geschlagen und erniedrigt, mal wurde die Toilettennutzung komplett verweigert. Über die Sanitäranlagen sagt Z 17: "Auf den Toiletten war überall Urin, es stank schrecklich. Teilweise waren die Toiletten verstopft und man musste auf Urin und Kot steigen." Einmal beobachtete Z 17, wie Wächter einen Mann zwangen, seinen eigenen Kot zu essen – als er sich verweigerte, verprügelten die Wächter ihn. Nach ihrer Flucht über die Türkei und die Balkanroute, lebt Z 17 seit Anfang 2016 in Deutschland.

Mazen Darwish ist ein syrischer Menschenrechtsaktivist, Journalist und Präsident des Syrian Center for Media and Freedom of Expression (SCM), das er 2004 in Damaskus gegründet hat. Die Organisation dokumentierte zahlreiche Verletzungen der Presse- und Meinungsfreiheit sowie die Arbeitsbedingungen von Journalist_innen und unterstützte Medienschaffende bei Streitigkeiten mit den Behörden. Eine offizielle Registrierung der Organisation wurde von der Regierung untersagt, dennoch arbeitete sie weiter im Untergrund.

Aufgrund seiner Arbeit wurde Darwish mehrfach verhaftet, unter anderem im April 2008, nachdem er und seine Kolleg_innen über Aufstände in Adra, einer Stadt in der Nähe von Damaskus berichtet haben. Darwish wurde wegen "Diffamierung und Verunglimpfung der staatlichen Autorität" zu zehn Tagen Haft verurteilt. Nach Beginn der friedlichen Massenproteste gegen Präsident Baschar al-Assad im Frühjahr 2011 dokumentierte das SCM unter anderem die Namen von verhafteten, "verschwundenen" und getöteten Aktivist_innen.

2012 ehrte Reporter ohne Grenzen Darwish für seinen Einsatz als Journalist des Jahres. Im Februar 2012 verhaftete der Luftwaffengeheimdienst Darwish zusammen mit seinen Kolleg_innen in den Büroräumen des SCM: "Ich wurde nach meiner Verhaftung in verschiedene geheime Militärgefängnisse gebracht, immer wieder wurde ich von einem in das nächste Foltergefängnis gebracht", sagte Darwish in einem Interview mit DIE ZEIT. Die Zustände in den Folterzentren beschreibt er als "katastrophal". Neben der mangelnden Hygiene und dem Platzmangel beschreibt er die Foltermethoden: Elektroschocks, Aufhängen an den Händen, Schläge und Schlafentzug.

Für die Freilassung der SCM-Mitarbeiter_innen setzten sich jahrelang mehr als 70 Menschenrechtsorganisationen ein. Auch die UN-Vollversammlung und das Europaparlament forderten ihre Freilassung. Im August 2015, nach dreieinhalb Jahren Haft, wurde Darwish unter der Bedingung freigelassen, einen Monat später vor dem Anti-Terror-Gericht in Damaskus erneut zu erscheinen. Am 31. August 2015 entschied das Gericht, dass die Fälle von Darwish und seiner Mitangeklagten unter eine im Jahr 2014 verkündete Amnestie fielen. Außerdem wies der Richter den zentralen Vorwurf der Unterstützung des Terrorismus ausdrücklich ab.

Darwish, der die Methoden und Zustände in syrischen Gefängnissen am eigenen Leib erlebt hatte, sagte gegenüber dem ECCHR: "Folter war kein Einzelfall in den Gefängnissen Assads, vielmehr wurde sie systematisch eingesetzt."

Als ein wichtiger Zeuge der Geschehnisse in Syrien, engagiert sich Darwish weiterhin für die Gerechtigkeit in seinem Land.

Anwar al-Bunni ist ein bekannter syrischer Menschenrechtsanwalt. Er ist einer der Gründer der Human Rights Association Syria (HRAS) und des Zentrums für die Verteidigung von Journalisten und politischen Gefangenen, dem (Syrian Center for Legal Research and Studies, SCLSR).

Als Rechtsanwalt verteidigte al-Bunni viele Menschenrechtsakvist_innen und Personen, die infolge der Proteste in den Jahren 2000/01 in Damaskus wegen ihrer politischen Position verfolgt und verhaftet wurden. Aufgrund seiner Arbeit wurde al-Bunni ebenfalls Ziel repressiver Maßnahmen. Er selbst und auch Mitglieder seiner Familie wurden systematisch bedroht, verfolgt und von den Behörden diffamiert. Die Anwaltskammer in Damaskus schloss al-Bunni mehrmals aus.

Im Mai 2006 wurden al-Bunni und eine Reihe anderer Menschenrechtsaktivist_innen verhaftet, nachdem sie die sogenannte Beirut-Damaskus-Erklärung unterzeichnet hatten. In der Erklärung riefen 274 libanesische und syrische Intellektuelle zu einer Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten auf.

In der Untersuchungshaft wurde er mehrfach, unter anderem von den Gefängniswärtern, gefoltert. Nach einem Verfahren, das nicht den internationalen Standards entsprach, wurde al-Bunni im April 2007 wegen "Verbreitung staatsgefährdender Falschinformationen" zu fünf Jahren Haft verurteilt. Damals war er bereits fast ein Jahr in dem berüchtigten Adra-Gefängnis bei Damaskus. "Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe", sagte al-Bunni dem ECCHR. Er sei nicht mit den anderen politischen Gefangenen, sondern mit den Nichtpolitischen eingesperrt gewesen. Regimetreue Inhaftierte hätten eines Tages versucht, ihn von einem Balkon aus dem zweiten Stock zu stürzen. Er habe diesen Angriff nur durch die Hilfe anderer Mitgefangener überlebt.

Im Mai 2011 wurde al-Bunni entlassen. Heute lebt er in Berlin. 2008 erhielt er den Front Line Defenders Award für Menschenrechtsverteidiger in Gefahr, im selben Jahr zeichnete ihn der Deutsche Richterbund mit dem Menschenrechtspreis aus.

Grundlagen

Q&A: Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Strafanzeige in Deutschland: Überlebende von Assads Foltersystem fordern Gerechtigkeit.

In Syrien herrscht aktuell absolute Straflosigkeit und auch in absehbarer Zeit ist an eine Strafverfolgung von Tätern aus den Reihen des Assad-Regimes nicht zu denken.
 
Die Internationale Strafjustiz bietet seit 2002 durch das Rom-Statut zum Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH) grundsätzlich die Möglichkeit, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord vor eben dieses Gericht in Den Haag zu bringen. Doch derzeit gibt es kaum Chancen für die Verfolgung der Verbrechen in Syrien durch den IStGH. Denn der Gerichtshof kann nicht tätig werden, zum einem ist Syrien kein Vertragsstaat, zum anderen blockiert Russland eine Verweisung durch den UN-Sicherheitsrat an den IStGH.
 
Immerhin hat der UN-Menschenrechtsrat eine unabhängige Untersuchungskommission zu Syrien eingerichtet: Die Ermittler sammeln seit mehr als fünf Jahren Beweise gegen alle Kriegsparteien. Sie arbeiten in den Nachbarstaaten Libanon, Jordanien, Irak und der Türkei. Die Informationen der UN-Kommission sind unerlässlich für eine zukünftige juristische Aufarbeitung.
 
Im Dezember 2016 initiierte die UN-Generalversammlung zusätzlich den "International, Impartial and Independent Mechanism to Assist in the Investigation and Prosecution of those Responsible for the Most Serious Crimes under the International Law Committed in the Syrian Arab Republic since March 2011", kurz IIIM.

Die schweren Verbrechen berühren die internationale Gemeinschaft als Ganzes und dürfen nicht unbestraft bleiben. Deshalb ist es Aufgabe auch der nationalen Gerichtsbarkeiten in Drittstaaten wie Deutschland, die schweren Verbrechen in Syrien zu ermitteln und zur Anklage zu bringen.
 
In Deutschland ermöglicht das Völkerstrafgesetzbuch (VStGB), das 2002 in Kraft trat, eine Strafverfolgung der Verbrechen in Syrien. Mit dem VStGB wurde das nationale deutsche Strafrecht an die Regelungen des Völkerstrafrechts, insbesondere an das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, angepasst.
 
Das im VStGB verankerte Weltrechtsprinzip schafft die Voraussetzung der Verfolgung von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen durch die deutsche Strafjustiz. Laut VStGB darf der Generalbundesanwalt auch dann ermitteln, wenn diese Verbrechen im Ausland begangen wurden. Das heißt, es besteht Strafbarkeit nach deutschem Recht unabhängig davon, wo, von wem und gegen wen sie begangen werden.
 
Der Generalbundesanwalt führt bereits seit 2011 neben den personenbezogenen Ermittlungsverfahren ein sogenanntes Strukturermittlungsverfahren zu Syrien, das sich mit der Gesamtsituation im Land und über den Einzelfall hinausgehenden Sachverhalten befasst.

Im Fall einer Strafverfolgung in einem Drittstaat ist eine Strafanzeige oft der erste Schritt auf dem Weg zu Ermittlungen. Eine Anzeige soll den Generalbundesanwalt auf eine bestimmte Situation oder Tat aufmerksam machen, die aus der Sicht der Anzeigeerstatter_innen einen Straftatbestand erfüllt, sprich ein Verbrechen sein könnte.
 
Der Generalbundesanwalt ermittelt bereits in einem Strukturverfahren zu Syrien, sammelt Beweise und sichert sie. Dabei geht es zumeist um Täter_innen niederen Ranges. Mit den Strafanzeigen des ECCHR soll der Generalbundesanwalt nun gezielt gegen Personen, die Führungspositionen bei den syrischen Geheimdiensten und der Militärpolizei bekleiden, ermitteln und beim Bundesgerichtshof internationale Haftbefehle gegen sie erwirken.

Die Strafanzeigen, die das ECCHR zusammen mit den Anzeigeerstatter_innen aus Syrien eingereicht hat, betreffen das Verbrechen der systematischen Folter in Haftanstalten der syrischen Geheimdienste und der Militärpolizei. Systematische Folter ist nach dem Völkerstrafgesetzbuch als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu qualifizieren. 
 
Die Anzeigen richten sich gegen zahlreiche namentlich bekannte und weitere unbekannte Mitarbeiter des syrischen Militärgeheimdienstes und der syrischen Regierung, die aller Vermutung nach für die angezeigten Verbrechen die Verantwortung tragen.

Als Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Arabischen Republik Syrien steht Baschar al-Assad an der Spitze der Pyramide des militärischen Berichts- und Befehlswesens. Er hat die Oberbefehlsmacht über die Handlungen aller Sicherheits- und Militärinstitutionen, d.h. auch der vier syrischen Geheimdienste, des Verteidigungsministeriums und des Nationalen Sicherheitsbüros. Damit trägt Präsident Assad unzweifelhaft die Verantwortung für deren Straftaten.
 
Als amtierendes Staatsoberhaupt ist Assad vor Strafverfolgung durch nationale Gerichte in Drittstaaten geschützt. In Deutschland steht ihm nach § 20 Abs. 2 GVG und Art. 25 GG die völkerrechtliche Immunität ratione personae zu. Das bedeutet, dass derzeit kein Strafverfahren gegen ihn geführt werden kann. Dennoch sammelt der Generalbundesanwalt im Rahmen des Strukturverfahrens auch Beweise für mögliche Straftaten Assads. Diese Erkenntnisse können genutzt werden, wenn er nicht mehr Präsident ist, oder wenn eines Tages der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) oder ein Sondertribunal zum Syrien-Konflikt Anklage gegen ihn erheben.

Primäres Ziel der Strafanzeigen sind personenbezogene Ermittlungsverfahren, in denen die beschriebenen Verbrechen auf eine würdevolle Art und Weise juristisch aufgearbeitet werden.
 
Die Generalbundesanwaltschaft führt bereits seit 2011 zu den Verbrechen in Syrien ein Strukturermittlungsverfahren. Das ist ein guter erster Schritt. Nach sechs Jahren ist es aber an der Zeit, einen Schritt weiterzugehen: Die deutsche Justiz darf nicht nur gegen niedrigrangige Täter_innen, sondern muss auch gegen hauptverantwortliche Personen ermitteln. Auch wenn sie in Syrien sind, kann etwas unternommen werden, zum Beispiel mit internationalen Haftbefehlen. Dazu sollten auch die Ressourcen des Generalbundesanwalt und der Gerichte aufgestockt werden. Es braucht mehr und gut ausgebildete Ermittler_innen, nicht zuletzt muss der Zeugenschutz verbessert werden.
 
Das ECCHR setzt darauf, dass den Ermittlungen zu den Strafanzeigen eine Anklage der Bundesanwaltschaft gegen die Täter_innen und Erlassung der internationalen Haftbefehle folgt. Dies soll nicht zuletzt auch das öffentliche Bewusstsein über die Menschenrechtsverbrechen in Syrien stärken und den Druck auf die internationale Strafjustiz erhöhen.

Die Strafanzeigen beruhen auf den Aussagen zahlreicher Frauen und Männer, die in verschiedenen "Abteilungen" (Gefängnisse) der syrischen Geheimdienste und der Militärpolizei in Damaskus inhaftiert waren. Hinzu kommen die Fotos und Metadaten der "Caesar Files Group" mit ihrem einzigartigen Wert für mögliche Ermittlungen.
 
Diese Gefängnisse gelten seit Jahren als Folterzentren. In drei dieser "Abteilungen" (227, 235, 215) waren die Zeug_innen, die auch als Anzeigeerstatter_innen auftreten, von Oktober 2011 bis Juli 2015 zu verschiedenen Zeitpunkten und Zeiträumen (wenige Tage bis hin zu mehreren Monaten) inhaftiert. Ihre Aussagen werfen Licht auf die Folterverbrechen, die die dort Inhaftierten erleiden mussten und noch immer erleiden.
 
Neben den Aussagen der Betroffenen dienen öffentlich zugängliche Dokumente und Berichte als Quellen für diese Strafanzeige. Viele der Verbrechen in Syrien, darunter auch Folter, sind durch internationale und syrische Menschenrechtsorganisationen sorgfältig und über Jahre dokumentiert worden. In ihrer Gesamtheit beweisen die Aussagen der Überlebenden und Zeug_innen, offizielle Dokumente sowie Bilder von Opfern und Tatorten, dass sich das syrische Regime systematischer Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat.

Das ECCHR hat die Folterverbrechen in den Haftanstalten des syrischen Militärgeheimdienstes als Gegenstand der ersten Strafanzeige dieser Art in Deutschland gewählt, weil sie zum einen gut dokumentiert und zum anderen exemplarisch dafür sind, wie das Assad-Regime, die Bevölkerung seit Jahrzehnten systematisch und gewaltsam unterdrückt. Dies gilt insbesondere für die brutale Niederschlagung der friedlichen Protestbewegung ab 2011. Hinzu kommt, dass der Generalbundesanwalt ausgehend von den sogenannten "Caesar-Fotos" bereits ein Strukturverfahren zu Folter in Syrien führt.
 
Der Fokus der Strafanzeige des ECCHR liegt zunächst auf drei Tatorten, die der Militärgeheimdienst als Gefängnisse nutzt. Diese sogenannten "Abteilungen" (215, 227, 235) sind bekannt und berüchtigt für die Gewalttaten, die dort an Häftlingen verübt werden. Die Auswahl dieser Tatorte impliziert keine Wertung anderer – auch ähnlicher – Tatorte oder Geheimdienste in Syrien. Die Auswahl der Tatorte ist allein der Notwendigkeit der genauen Darstellung der dort verübten Völkerstraftaten geschuldet, die für eine juristische Bewertung notwendig ist.

Der Generalbundesanwalt hat unmittelbar auf die in Deutschland erste Strafanzeige zu systematischer Folter in Syrien reagiert. Anfang Mai 2017 wurden in Berlin einige der Kläger_innen sowie weitere Personen als Zeug_innen vernommen. Aus Sicht der Folterüberlebenden ist das ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Gerechtigkeit.
 
Anhand der Erkenntnisse und Beweismittel aus der ECCHR-Strafanzeige sowie dem Strukturverfahren kann der Generalbundesanwalt gegen die benannten Verantwortlichen des syrischen Militärgeheimdienstes vorgehen. Nach Einschätzung des ECCHR reichen die vorhandenen Erkenntnisse (zu einzelnen Tatbeständen und zur Befehlsstruktur) zusammen genommen aus, um bestimmte hochrangige Verantwortliche für schwerste Menschenrechtsverbrechen in Syrien zu identifizieren und gegen diese zu ermitteln. Diesen drohen internationale Haftbefehle und eine weltweite Fahndung.

Um die systematischen und flächendeckenden Menschenrechtsverbrechen in Syrien aufzuarbeiten, müssen zweifellos weitere rechtliche Interventionen folgen. Das ECCHR arbeitet bereits zu anderen Tatorten und weiteren Tatverdächtigen und plant dazu weitere Strafanzeigen in Deutschland. Zum einen wird es dabei um die Folterverbrechen weiterer Geheimdienste gehen, zum anderen sollen andere Verbrechen und Tatorte, wie die Exekutionen im Saydnaya-Militärgefängnis untersucht werden.

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Weitere Fälle

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Glossar

Die Generalbundesanwaltschaft ist Deutschlands oberste Strafverfolgungsbehörde.
Kriegsverbrechen sind schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht, die in bewaffneten Konflikten begangen werden.
Bei einer Strafanzeige wird ein Sachverhalt an eine der zuständigen Strafverfolgungsbehörden in Deutschland übermittelt.
Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind Verstöße gegen das Völkerrecht, die durch systematische Gewalt gegen die Zivilbevölkerung gekennzeichnet sind.
Durch das Weltrechtsprinzip kann in Drittstatten ein Verbrechen im Sinne des Völkerstrafrechts verhandelt werden.

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