Pakistan - Textilindustrie - KiK

KiK: Der Preis der Katastrophen in der Textilindustrie Südasiens

Betroffene von Fabrikbrand in Pakistan verklagen KiK

Pakistan - Textilindustrie - KiK

KiK: Der Preis der Katastrophen in der Textilindustrie Südasiens

Betroffene von Fabrikbrand in Pakistan verklagen KiK

Gerechtigkeit statt Almosen. Haftung statt Freiwilligkeit: Das fordern die Überlebenden und Hinterbliebenen der Brandkatastrophe in der Textilfabrik Ali Enterprises in Karatschi (Pakistan). Am 11. September 2012 starben dort 260 Menschen, 32 wurden verletzt. Hauptkunde der Fabrik war nach eigenen Angaben der deutsche Textildiscounter KiK.

Der Fall

Vier Betroffene des Brandes reichten am 13. März 2015 beim Landgericht Dortmund Klage auf Schadensersatz gegen KiK ein. Muhammad Hanif, Muhammad Jabbir, Abdul Aziz Khan Yousuf Zai und Saeeda Khatoon gehören zur Selbstorganisation der Betroffenen, der Baldia Factory Fire Affectees Association, und fordern je 30.000 Euro Schmerzensgeld. Am 30. August 2016 entschied das Gericht: Es sieht sich zuständig und die Kläger_innen erhalten Prozesskostenhilfe. Diese Entscheidung ist der erste Schritt, damit ein Fall von Menschenrechtsverletzungen durch deutsche Unternehmen im Ausland auch vor einem deutschen Gericht verhandelt wird. Das ECCHR und medico international unterstützen die Klage, die Rechtsanwalt Dr. Remo Klinger aus Berlin eingereicht hat.

Kontext

Das Verfahren gegen KiK soll klar machen: Transnationale Unternehmen seien auch für die Arbeitsbedingungen in ihren Tochter- und Zulieferbetrieben im Ausland verantwortlich. Kurze Zeit später, am 10. September 2016, erklärte sich KiK bei einem von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) moderierten Dialog dazu bereit, den Betroffenen 5,15 Millionen US-Dollar Hinterbliebenen- und Unfallentschädigung zu zahlen. Ein Schmerzensgeld und das Eingeständnis seiner Mitverantwortung, wie sie die Betroffenen mit der Klage in Deutschland fordern, lehnte KiK aber weiterhin ab.

Personen

Bei dem Brand am 11. September 2012 in der Textilfabrik Ali Enterprises im Stadtviertel Baldia in Karatschi (Pakistan) starben 260 Arbeiterinnen und Arbeiter, 32 Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Die vier Betroffenen des Brandes Muhammad Hanif, Muhammad Jabbir, Abdul Aziz Khan Yousuf Zai und Saeeda Khatoon reichten zusammen mit dem ECCHR eine Schadensersatzklage gegen KiK ein und fordern ein angemessenes Schmerzensgeld von dem Textilverkäufer.

Muhammad Hanif (26) hat den Brand überlebt. Doch seit der Katastrophe hat er starke gesundheitliche Probleme, vor allem Atembeschwerden und Schmerzen in der Lunge. Muhammad Hanif arbeitete seit seinem neunten Lebensjahr für Ali Enterprises. Die Schule hatte er aus finanziellen Gründen nach vier Jahren abbrechen müssen. Seitdem arbeitete er als Maschinenbediener in der Fabrik. Als Maschinenbediener verdiente Muhammad Hanif bei Ali Enterprises monatlich etwa 18.000-20.000 pakistanische Rupien (etwa 155-175 Euro). Mit seinem Lohn ernährte er sich und seine Ehefrau. Als das Feuer ausbrach, arbeitete Muhammad Hanif gerade im ersten Stockwerk der Fabrik. Er erkannte die Gefahr und versuchte, das Gebäude sofort zu verlassen. Doch die Haupttreppe war versperrt, die Notausgänge verschlossen. Überall waren Rauch und Feuer. Muhammad Hanif wollte sich durch ein Fenster retten, doch das Eisengitter davor ließ sich nicht bewegen. Letztendlich gelang es ihm, einen Teil der Lüftungsanlage aus der Wand zu brechen und aus dem Gebäude zu springen. Einmal draußen, half er Kolleg_innen, das Gebäude ebenfalls durch das Loch der Lüftungsanlage zu verlassen. Muhammad Hanif entkam dem Feuer. Doch er erlitt eine schwere Rauchvergiftung, lag drei Tage auf der Intensivstation. Zwei Monate lange hatte er solch akute Atemprobleme, dass er nicht einmal gehen konnte. Inzwischen kann er sich wieder selbstständig fortbewegen, doch wenn er längere Strecken zurücklegt, bekommt er schwere Atemnot und Lähmungserscheinungen an Händen und Füßen. Die Schwierigkeiten beim Atmen und die Schmerzen in der Brust sind chronisch. "Ich arbeite momentan in einer anderen Textilfabrik, die Ali Enterprises sehr ähnlich ist. Oft schaffe ich es jedoch nicht zur Arbeit, weil es mir schlecht geht. Auch meiner Leidenschaft – dem Tanzen – kann ich nicht mehr nachgehen. Vor der Katastrophe bin ich oft als Tänzer im pakistanischen Fernsehen aufgetreten. Jetzt aber ist mein Gesundheitszustand so schlecht, dass ich nicht mehr tanzen kann. Es fehlt mir sehr", sagte er im Gespräch mit ECCHR-Mitarbeiterinnen in Karatschi. Seine aktuelle finanzielle Situation ist alarmierend. Er verfügt bestenfalls über 10.000 Rupien (etwa 85 Euro) im Monat. Als Entschädigung hat Muhammad Hanif bisher 125.000 Rupien (etwa 1100 Euro) vom High Court erhalten.

Muhammad Jabbir (62) verlor bei der Brandkatastrophe seinen Sohn Muhammad Jahanzab, der 22 Jahr alt war und seit 2008 als Maschinenbediener bei Ali Enterprises arbeitete. Der Verstorbene Muhammad Jahanzab verdiente bei Ali Enterprises 14.000-15. 000 Rupien im Monat (etwa 120 Euro) und ernährte damit nicht nur sich und seinen Vater, sondern auch seinen Bruder, der nur 10.000 Rupien (etwa 85 Euro) verdiente. Am Tag der Brandkatastrophe wartete der Vater auf den Lohn des Sohnes, um einige Grundnahrungsmittel für den Monat einkaufen zu können. Als der Vater von dem Brand erfuhr, eilte er zur Fabrik, doch die lag bereits in Schutt und Asche. Der Tod des Sohnes hat Muhammad Jabbir schwer getroffen – psychisch, gesundheitlich und finanziell. Die Beziehung zwischen ihm und seinen Söhnen war von jeher sehr eng. Da seine Frau vor 18 Jahren starb, sei er "Vater und Mutter zugleich" gewesen, sagt Muhammad Jabbir. Der Gesundheitszustand des 62-Jährigen hat sich seit der Brandkatastrophe massiv verschlechtert. Er leidet unter anderem an Bluthochdruck. Einer regelmäßigen Arbeit, die ihm die Existenz sichern könnte, kann er nicht nachgehen. Muhammad Jabbir ist Vorsitzender der Baldia Factory Fire Affectees Association, der Organisation, in der sich Überlebende und Hinterbliebene der Brandkatastrophe seit August 2014 organisiert haben. "Nach der Katastrophe haben zahlreiche NGOs angeboten, für unsere Rechte zu kämpfen. Letztendlich haben wir aber doch unsere eigene Organisation gegründet, die Baldia Factory Fire Affectees Association. Dank der Organisation haben fast 200 Familien der Opfer und die Überlebenden Kontakt miteinander. Wir treffen uns ein bis zweimal im Monat, um über den Stand der Verhandlungen zu diskutieren. Ich bin der Überzeugung, dass diese Vereinigung für uns sehr wichtig ist, wo doch so viele ihre Angehörigen sowie ihre finanzielle Sicherheit verloren haben", sagte Muhammad Jabbir in einem Gespräch mit ECCHR-Mitarbeiterinnen im Februar 2015 in Karachi. Entschädigungszahlungen seien aber nicht Hauptziel der Organisation, betont Jabbir. "Wir wollen erreichen, dass die Brandkatastrophe nicht in Vergessenheit gerät. Vor allem aber wollen wir, dass es nie wieder eine Katastrophe wie in Karatschi gibt. Wir sind auch nicht dagegen, dass deutsche Unternehmen hier produzieren. Im Gegenteil, wir wollen, dass mehr deutsche Unternehmen nach Pakistan kommen und bilaterale Verträge abschließen. Aber es muss Regelungen zu Sicherheitsvorkehrungen geben. Die Sicherheit der Arbeitnehmer_innen muss gewährleistet sein. Ich denke, dass die Klage gegen KiK endlich Veränderungen bewirken kann." Von dem High Court in Karatschi hat die Familie des verstorbenen Muhammad Jahanzab 610.000 Rupien (etwa 5300 Euro) vom Sindh Government Fund und Prime Ministers Fund zusammen 700.000 Rupien (etwa 6000 Euro) erhalten.

Saeeda Khatoon (49) verlor am 11. September 2012 ihren einzigen, 18-jährigen Sohn M. Ejaz Ahmed. Er ging bis zur neunten Klasse in die Schule und arbeitete bereits seit vier Jahren – am Anfang noch neben der Schule – bei Ali Enterprises in der Schneiderei. Die 12.000 Rupien (entspricht etwa 100 Euro), die er verdiente, war die einzige Einkommensquelle der Familie. Saeeda Khatoon erfuhr etwa 15 Minuten nachdem das Feuer ausgebrochen war von dem Brand und rannte zur Fabrik: "Ich wollte nur noch wissen, wo mein Sohn ist. Alles brannte. Ich sah, dass Menschen in der Fabrik verbrannten. Sie waren in dem Gebäude gefangen. Nur ein paar Wenige schafften es, dem Feuer zu entkommen. Einige sprangen vom Dach, um ihr Leben zu retten. Die anderen verbrannten. Niemand konnte sie retten. Es war viel Sicherheitspersonal, Polizei und Paramilitär vor Ort. Aber keiner hat geholfen. Wir mussten mit ansehen, wie die Menschen vor unseren Augen starben. Am nächsten Mittag wurde der Zugang zur Fabrik freigegeben. Ich durfte die Fabrik nicht betreten. Die freiwilligen Helfer_innen und andere Arbeiter_innen, die meinen Sohn kannten, fanden ihn. Als sie die Leiche raustrugen, zeigten sie sie mir und sagten mir, sie hätten meinen Sohn auf der Treppe gefunden. Er arbeitete meist im Zwischengeschoss. Ich musste ihn dann im Krankenhaus identifizieren. Er hatte sein Gesicht er mit einem Teller schützen können, deswegen war es unversehrt. Der Rest des Körpers war komplett verbrannt". Nach Angaben von Saeeda Khatoon kamen allein aus ihrer Nachbarschaft 17 junge Männer in der Fabrik um. "Es gibt fast keine Straße in Baldia, in der nicht eine Familie Opfer zu beklagen hat. Es war nicht nur mein Verlust, es war der Verlust unseres ganzen Viertels. Was kann es Schlimmeres geben, als das eigene Kind zu verlieren? Du hast ihm alles gegeben, Zeit, Geld, Liebe; in der Hoffnung, dass es irgendwann ein gutes Leben haben wird und dir vielleicht im Alter helfen kann. M. Ejaz Ahmed war mein einziger Sohn, ich weiß nicht, wie ich die letzten Jahre überstanden habe. Selbst alltägliche Arbeiten im Haushalt fallen mir unendlich schwer. Ich koche nicht einmal mehr, seit dem Tod meines Sohnes. Ich kaufe irgendetwas und esse es. Es gibt nichts in meinen Leben. Ich bekomme eine kleine Rente vom Staat, davon lebe ich", berichtete Saeeda Khatoon im Gespräch mit ECCHR-Mitarbeiterinnen. "Entschädigungszahlungen sind für mich persönlich nicht das Hauptziel. Aber ich sehe, dass es anderen Familien finanziell sehr schlecht geht. Wir kämpfen im Rahmen der Organisation zusammen ebenfalls für die Probleme der anderen und wollen diese geklärt sehen. Ich möchte, dass keine Familie mehr solch einen Verlust durchstehen muss. Ich möchte sichergehen, dass das deutsche Unternehmen zur Verantwortung gezogen wird. Es sollte in Zukunft Regelungen für die Haftung von Unternehmen geben. So einen Katastrophe darf es nie wieder geben. Ich bin froh, dass auch deutsche Anwält_innen uns unterstützen und unsere Klage in Deutschland einreichen. Gemeinsam kämpfen wir für bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Welt". An Entschädigungen hat Saeeda Khatoon 610.000 Rupien (etwa 5300 Euro) vom High Court, 400.000 Rupien (etwa 3400 Euro) aus dem Prime Ministers Fund, 300.000 Rupien (etwa 2600 Euro) aus dem Sindh Government Fund und 200.000 Rupien (etwa 1700 Euro) von einer Stiftung erhalten.

Abdul Aziz Khan Yousuf Zai (62) versuchte, seinen Sohn Attaullah Nabeel Yousuf Zai aus dem brennenden Fabrikgebäude zu retten. Er fand nur noch die Leiche. Attaullah Nabeel Yousuf Zai war 17 Jahre alt und arbeitete seit drei Jahren bei Ali Enterprises, wo er als Maschinenbediener ausgebildet wurde und in dieser Position auch arbeitete. Auch der jüngere Bruder des Verstorbenen arbeitete bei Ali Enterprises, war am Unglückstag aber nicht in der Fabrik. Die beiden lebten bei den Eltern und hatten ein sehr enges Verhältnis zu ihnen. So kam Attaullah Nabeel Yousuf Zai regelmäßig mittags zum Essen nach Hause, da die Familie in der Nähe der Fabrik von Ali Enterprises wohnte. Sein Lohn von 15.000 Rupien (etwa 130 Euro) im Monat war unverzichtbar für die Familie. Abdul Aziz Khan Yousuf Zai erfuhr über einem Nachbarn von dem Feuer. "Wir rannten zur Fabrik und sahen überall nur noch Feuer und Rauch. Niemand war da, um die Menschen aus dem Gebäude zu retten. Irgendwann kam dann die Feuerwehr, aber sie hatte nicht genug Wasser, um das Feuer zu löschen. Wir sahen Menschen bei lebendigem Leib verbrennen und sie schrien um Hilfe. Niemand konnte sie retten". Seit dem Tod des Sohnes hat sich die Gesundheit von Abdul Aziz Khan Yousuf Zai massiv verschlechtert. Die psychische Belastung und die finanziellen Sorgen haben zudem zu Diabetes und in folgedessen zu Sehstörungen geführt. "Wir möchten, dass KiK nach Pakistan kommt und sieht, wie schwer es für uns ist. Wir möchten, dass das Unternehmen versteht, was passiert wenn es keine Sicherheitsvorkehrungen gibt". An Entschädigungen hat die Familie des verstorbenen Attaullah Nabeel Yousuf Zai 610.000 Rupien (etwa 5300 Euro) vom High Court, 700.000 Rupien (etwa 6000 Euro) aus dem Prime Ministers Fund, und 200.000 Rupien (etwa 1700 Euro) von der Baldia Foundation erhalten.

Grundlagen

Hier finden Sie die wichtigsten Fragen und Antworten zum juristischen Hintergrund der Klage gegen den Textilverkäufer KiK.

260 Tote und 32 zum Teil schwer Verletzte: Die Arbeiter_innen der Textilfabrik Ali Enterprises in Karatschi haben bei der Brandkatastrophe am 11. September 2012 mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben für die Kleidung von KiK gezahlt. Zuvor hatten sie zu schlechtem Lohn und unter menschenunwürdigen Bedingungen gearbeitet. An den Folgen der Brandkatastrophe von Karatschi leiden die Überlebenden und Hinterbliebenen bis heute. Sie verlangen von KiK – nach eigenen Angaben Hauptauftraggeber der Fabrik – Gerechtigkeit. Und sie wollen zeigen, dass sie als Überlebende und Hinterbliebene nicht bloß die "armen Opfer" der Brandkatastrophe sind, sondern aktiv werden. Die Kläger_innen wollen nicht hinnehmen, dass die Unternehmen von der Ausbeutung der Arbeiter_innen in Südasien profitieren, aber letztendlich keinerlei Verantwortung für deren Sicherheit tragen. Die Klage gegen KiK in Deutschland ist damit auch ein Signal an andere Textilfirmen weltweit: Transnationale Unternehmen sind auch für die Arbeitsbedingungen in ihren Tochter- und Zulieferbetrieben im Ausland verantwortlich. Dafür sind immer mehr Betroffene und Organisationen bereit, vor Gericht zu ziehen.

Kurz nach der Katastrophe zahlte KiK 1.000 US-Dollar als Soforthilfe für die Überlebenden und Hinterbliebenen. Dieses Geld hat eine unabhängige Kommission, die beim High Court of Sindh angesiedelt war, in Pakistan an die Betroffenen und Familien ausgezahlt. Dem ECCHR, ebenso wie KiK, liegt eine Liste der Betroffenen und der vom High Court of Sindh ausgezahlten Summen vor.

Seit Dezember 2012 gab es Verhandlungen zwischen KiK und der pakistanischen Organisation PILER und der CCC über nachhaltige Entschädigungen. Es ging um ein langfristiges Wiedergutmachungs-Paket für alle Betroffenen. Ziel waren Entschädigungen für den Ausfall des Einkommens des Haupternährers vieler Familien. Außerdem sollte KiK seine Mitverantwortung für die Feuerschutzmängel in der Fabrik anerkennen.

KiK hielt die Überlebenden und Hinterbliebenen der Katastrophe von Karatschi erst über ein Jahr lang hin und machte dann im Dezember 2014 ein inakzeptables Angebot gegenüber PILER, der CCC und dem Anwalt der jetzigen Kläger_innen. Das Unternehmen gab darin zu verstehen: Es wird kein Schmerzensgeld geben. Unterm Strich sollten die Betroffenen eine Zahlung von zunächst ca. 1.000 US-Dollar erhalten, was ungefähr einem Jahresmindestlohn eines pakistanischen Textilarbeiters entspricht.

Das Unternehmen war weder bereit zu erklären, wer die Organisation eines umfangreichen Entschädigungsprozesses nach ILO-Standards organisieren soll, noch ließ sich KiK auf einen konkreten Prozentsatz ein, den das Unternehmen von der Endsumme der Entschädigungszahlungen nach ILO-Standards zahlen würde. KiK war nicht einmal bereit, sich auf einen einstelligen Prozentsatz festzulegen.

Auch in Gesprächen mit dem Anwalt der jetzigen Kläger_innen und dem ECCHR im Januar 2015 war KiK nicht bereit, das Angebot zu verbessern. Die Betroffenen forderten von KiK die Zahlung für 2015 auf den pakistanischen Mindestlohn von drei Jahren zu erhöhen, was ungefähr 3.000 US-Dollar pro Verstorbenen entsprochen hätte.

Aus diesen Gründen lehnte die Baldia Factory Fire Affectees Association, die Selbstorganisation der Betroffenen, in einer Vollversammlung am 8. Februar 2015 das Angebot von KiK ab. Bei dem Treffen in Karatschi bestimmte die Organisation auch die vier Personen, die Klage einreichten haben. Die Betroffenen hatten sich vor dieser Entscheidung lange vorbereitetet und gut informiert.

Im September 2016 erklärte sich KiK bei einem von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) moderierten Dialog schließlich dazu bereit, den Betroffenen 5,15 Millionen US-Dollar Hinterbliebenen- und Unfallentschädigung zu zahlen.

Ein Schmerzensgeld und das Eingeständnis seiner Mitverantwortung, wie sie die Betroffenen mit der Klage in Deutschland fordern, lehnt KiK aber weiterhin ab.

Die Gruppe der Betroffenen, die sich in der Baldia Factory Fire Association zusammen geschlossen haben, sind auch in Pakistan mit Hilfe ihres Anwaltes Faisal Siddiqi gegen den pakistanischen Staat vorgegangen. Sie haben mit Erfolg Entschädigungs- und Pensionsansprüche geltend gemacht.

Unmittelbar nach dem Brand erstellten pakistanischen Behörden drei Gutachten zur Brandursache. Zwei der drei Gutachten schlossen Brandstiftung als Ursache des Brandes aus, eines äußerte sich nicht zu dieser Frage. Im März 2015 tauchte ein Zeuge vom Hörensagen auf, der damals wegen anderer schwerer Straftaten von den pakistanischen Ermittlungsbehörden verhört wurde. Dieser Zeuge sagte aus, er habe gehört, wie ein Dritter behauptete, dass er das Feuer in der Ali Enterprises Fabrik gelegt habe. Die Brandursache ist für den Fall jedoch unerheblich, denn Brandschutzmaßnahmen müssen auch dann funktionieren, wenn das Feuer mutwillig gelegt wurde. Die Klage wirft weder den Fabrikbesitzern noch KiK vor, das Feuer verursacht zu haben. Die Klage wirft KiK vor, nicht dafür gesorgt zu haben, dass ein langjähriger, wirtschaftlich abhängiger Zulieferbetrieb keine adäquaten Brandschutz-Vorrichtungen hatte.

Bei Ansprüchen auf Schadensersatz, die aus sich nicht aus einem Vertrag ableiten, bestimmt bei grenzüberschreitenden Rechtsstreitigkeiten die Rom II-Verordnung, welches Recht anzuwenden ist. Wenn beispielsweise ein Deutscher in Frankreich einen Autounfall verursacht und die geschädigte Französin am Wohnsitz des Deutschen in Deutschland auf Schadensersatz klagt, dann regelt diese Verordnung welches Recht anzuwenden ist. Im Regelfall ist in dem Land das Recht anwendbar, wo der Schaden entstanden ist – in diesem Beispiel wäre das Frankreich. Zuständig für solche Klagen sind die Gerichte am Wohnort des Beklagten, in diesem Fall also Deutschland. D.h., die geschädigte Französin könnte den Deutschen wegen der Schäden des Autounfalles an seinem Wohnsitz in Deutschland verklagen. Das deutsche Gericht würde französisches Recht anwenden.

Rom II dient im Fall KiK als "Einfallstor" in deutsches Recht: Bei dem Brand von Ali Enterprises ist pakistanisches Recht anwendbar. Das pakistanische Rechtssystem gehört zum Common Law Rechtssystem. Pakistanische Gerichte sehen sich in der Regel an die Rechtsprechung indischer und britischer Gerichte gebunden. Daher ist die Anwendung der in der Großbritannien und Indien weiterentwickelten Common Law Ansprüche angebracht. Diese Ansprüche sind vergleichbar mit den deutschen Schadensersatznormen des BGB (§§ 823, 831). Auch hier ist eine Haftung für untergeordnete Mitarbeiter_innen vorgesehen. Im Common Law sind diese Haftungstatbestände aber deutlich weiter gefasst als in Deutschland.

Die Klage stützt sich auf aktuelle Entwicklungen im Common Law, die insbesondere durch pakistanische, indische und britische Gerichte gefestigt wurden. Die Urteile dieser Gerichte tragen modernen Wirtschaftsstrukturen zunehmend Rechnung: Die Gerichte sehen eine Haftung von auftraggebenden Unternehmen für zuliefernde Unternehmen dann als gegeben an, wenn eine hinreichend nahe Beziehung zwischen den Unternehmen bestand. Da die pakistanische Fabrik fast ausschließlich für KiK produziert hat und KiK mehrfach versichert, all seine Zulieferbetriebe regelmäßig zu besuchen und zu kontrollieren, ist die Geschäftsbeziehung zwischen KiK und der pakistanischen Fabrik als eng und "nahe" anzusehen.

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Glossar

Ein Amicus Curiae Brief ist ein Schriftsatz an ein Gericht, mit dem man eine rechtliche Stellungnahme einreicht.
Soft law umfasst nicht rechtlich bindende Übereinkünfte, meist auf internationaler Ebene. Hard law ist der feste rechtliche Rahmen, dem alle verpflichtet sind.
Die Internationale Arbeitsorganisation ist zuständig für die Formulierung und Durchsetzung internationaler Arbeits- und Sozialstandards.
Das Landgericht ist der ordentlichen Gerichtsbarkeit zugeordnet und zwischen den Amts- und Oberlandesgerichten angesiedelt. Landgerichte haben Zivil- und Strafkammern.
Die Sorgfaltspflicht besagt, dass vor einem Vertragsabschluss die Konditionen des Vertrags sowie mögliche Vertragspartner eingehend geprüft werden sollten.
Eine Zivilklage ist eine Privatklage, in der der Staat nicht als Kläger agiert sondern nur die Rolle des Vermittlers bzw. Richters übernimmt.
Das Zivilrecht ist ein Teil des Privatrechts, es beschäftigt sich vor allem mit Personenrecht, Schuldrecht, Erbrecht und Familienrecht.

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