Colonia Dignidad: Strafverfahren gegen Hartmut Hopp in Deutschland

Der ehemalige Arzt der deutschen Sektensiedlung in Chile „Colonia Dignidad“, Hartmut Hopp, soll in Deutschland ins Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft Krefeld beantragte am 7. Juni 2016 beim Landgericht, eine gegen Hopp in Chile verhängte Freiheitsstrafe in Deutschland zu vollstrecken. Das ECCHR drängt auf eine zügige Entscheidung des Gerichts.
 
Hopp wurde in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch von Minderjährigen zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, floh jedoch 2011 nach Deutschland. Seitdem lebt Hopp von der deutschen Justiz weitgehend unbehelligt in Krefeld, wo ihn seine deutsche Staatsangehörigkeit vor Auslieferung schützt.

Folter, "Verschwindenlassen" und Missbrauch während der Pinochet-Diktatur

Die 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer gegründete Colonia Dignidad war ein auslandsdeutsches, festungsartig ausgebautes Siedlungsareal in Chile. Die Siedlung (heute Villa Baviera genannt), in der noch immer etwa 280 Menschen leben, war jahrzehntelang Ort schwerster Menschenrechtsverletzungen.
 
Gegner des Pinochet-Regimes (1973-1990) "verschwanden" dort, wurden gefoltert und ermordet. Deutsche und chilenische Kinder wurden systematisch jahrzehntelang sexuell missbraucht. Hopp war „rechte Hand“ des Gründers und Führers der Colonia Dignidad Schäfer und er vertrat die Colonia Dignidad in äußeren Angelegenheiten.

Strafanzeige des ECCHR gegen Sektenarzt Hopp

Das ECCHR arbeitet seit 2011 zu den Menschenrechtsverletzungen in der Colonia Dignidad und deren Kollaboration mit der Pinochet-Diktatur. Vorrangiges Ziel ist es, durch juristische Schritte in Deutschland die Aufarbeitung in Chile zu unterstützen. 
Gemeinsam mit Betroffenen und der Kooperationsanwältin Petra Schlagenhauf aus Berlin reichte das ECCHR im August 2011 Strafanzeige gegen Hopp ein. Die Staatsanwaltschaft Krefeld eröffnete kurz darauf ein förmliches Ermittlungsverfahren unter Berufung auf die Anzeige. Im Februar 2012 musste Hopp erstmals als Beschuldigter aussagen.
 
Begleitend zu der Strafanzeige veröffentlichte die Organisation ein Dossier über Hopp, das dessen Rolle in der Colonia Dignidad beschreibt und Hinweise auf seine strafrechtliche Verantwortlichkeit als Mittäter oder mittelbarer Täter ausführt.

Dossier: Hartmut Hopp, Arzt der Colonia Dignidad

Colonia Dignidad, ECCHR-Stellungnahme zu Hopp, 2011-10-06 (970,6 KiB)

Aufarbeitung der Verbrechen in Chile durch juristische Schritte in Deutschland

Das Krefelder Ermittlungsverfahren gegen Hopp gab vielen Opfern die Hoffnung, dass zu einer ernsthaften Aufklärung und Verfolgung zahlreicher schwerster Verbrechen in der Colonia Dignidad kommen könnte.
 
Einige der Geschädigten der Colonia Dignidad leben in Deutschland und könnten konkret zum Fall Hopp aussagen. Gleiches gilt für Historiker und Anwälte, die sich seit Jahren mit der Colonia Dignidad beschäftigen und die chilenischen Akten teilweise auch kennen.
 
Erste Ermittlungsansätze in Deutschland hatte es bereits 1988 gegeben. Damals leitete die Staatsanwaltschaft Bonn ein Ermittlungsverfahren gegen Hopp ein. Darin wurden zahlreiche Zeugen gehört und im Jahr 2005 durch einen chilenischen Nebenklagevertreter eine Vielzahl von Unterlagen aus dem dortigen Verfahren eingereicht. Dennoch wurden die Ermittlungen nicht gezielt weitergeführt.

Weitere Strafanzeigen gegen Hopp

ECCHR-Kooperationsanwältin Schlagenhauf reichte im Oktober 2011für drei Mandanten noch zwei weitere Strafanzeigen ein.
 
Zum einen für die Eheleute M., die jahrelang bis 2003 in der Colonia Dignidad mit Psychopharmaka misshandelt wurden und mittlerweile wieder in Deutschland leben. Zum anderen für Andrés Rekas, dessen Schwester in der Colonia Dignidad im Mai 1976 verschwunden gelassen wurde. Der Fall wurde im Bericht der chilenischen Untersuchungskommission Rettig im Jahr 1991 aufgenommen.
 
Ein erstinstanzliches Urteil erging im Januar 2012 in Chile und endete mit Verurteilungen der chilenischen Täter und zweier Gehilfen aus der Führung der Colonia Dignidad. Das Verfahren gegen Hopp wurde aufgrund seiner Flucht nach Deutschland ausgesetzt.