Prozessbeginn im Fall "Automotores Orletti"

Am 3. Juni 2010 begann vor dem Bundesgerichtshof (TOF) N.1 von Buenos Aires der Prozess gegen die Verbrechen, die im geheimen Gefangenenlager „Automotores Orletti", einer Enklave der Operation Condor, begangen wurden. Fünf frühere Mitglieder der Armee und des Geheimdienstes werden des illegalen Freiheitsentzugs, der Folter und des Mordes in 65 Fällen angeklagt. Laut Gerichtskalender wurde die Anklageschrift bis zum 17. Juni vorgetragen. Im Anschluss werden die Angeklagten aussagen. Die Aussagen der Opfer und Zeugen werden ab dem 8. Juli angehört.

„Automotores Orletti", auch bekannt unter dem Namen „El taller" oder „El jardín", war eine ehemalige Garage im Stadtviertel La Floresta in Buenos Aires. Der eigentliche Name war aber „Automotores Cortell". Ab Mai 1976 wurde der Ort als geheimes Gefangenenlager genutzt, in dem ungefähr 200 politische Gefangene aus unterschiedlichen Ländern wie etwa Argentinien, Uruguay, Bolivien und sogar Kuba intensiver Folter ausgesetzt waren, teilweise mit Todesfolge. Die erfolgreiche Flucht von zwei Insassen führte im November 1976 dazu, dass das Lager geschlossen werden musste.

Das Lager war von dem bereits verstorbenen Aníbal Gordon, auch bekannt unter dem Namen „Silva",  gegründet und geführt worden. Gordon war ein ehemaliges Mitglied des argentinischen Geheimdienstes SIDE. Den Befehl zur Schaffung des Lagers hatte der ebenfalls verstorbene frühere Generalsekretär der Organisation Otto Paladino gegeben. Der SIDE nutzte das Lager zusammen mit dem Geheimdienst Uruguays als eine Enklave der Operation Condor, ein supranationaler Zusammenschluss zwischen den Regierungen und Geheimdiensten von Argentinien, Chile, Uruguay, Brasilien, Paraguay und Bolivien. Operation Condor wurde geschaffen, um politische Gegner auszuschalten.

Am 3. Juni 2010 begann vor dem Bundesgerichtshof N.1 in Buenos Aires der Prozess gegen die Verbrechen, die in diesem Lager begangen wurden. Die Angeklagten, die sich bis zur Verkündung des endgültigen Strafmaßes in Sicherheitsverwahrung befinden, werden des illegalen Freiheitsentzugs, der Folter und des Mordes in 65 Fällen beschuldigt. Bei den Angeklagten handelt es sich um fünf Personen: den ehemaligen Oberst der Armee Rubén Víctor Visuara,76, den früheren Generalmajor Eduardo Rodolfo Cabanillas, 66, sowie die beiden Agenten des Geheimdienstes SIDE, Honorio Carlos Martínez Ruiz, 60, auch bekannt als „Pájaro" oder „Pajarovich". Weiterhin angeklagt sind Raúl Antonio Guglielminetti, 66, bekannt als „Gustavino" oder „El Roco" sowie Eduardo Alfredo Ruffo, bekannt als „Capitán" oder „Zapato". Einige von ihnen waren Mitglieder des Triple A (Argentinische Antikommunistische Allianz), einer rechtsextremen Organisation, die sich der Bekämpfung des Kommunismus mit illegalen Mitteln, wie Entführung, Mord und terroristische Angriffe, widmeten.

Einem sechsten Angeklagten, dem ehemaligen Kommodore der argentinischen Luftwaffe, Nestór Horacio Guillamondegui, 75, wurde Verhandlungsunfähigkeit bescheinigt.

Unter den Opfern befinden sich Marcelo Ariel Gelman, 20, der Sohn des Schriftstellers Juan Gelman, und seine Frau María Claudia García, 19, die im siebten Monat schwanger war, als sie am 24. August 1976 nach „Orletti" entführt wurde. Marcelo wurde im Oktober 1976 ermordet. Sein Leichnam wurde 1989 exhumiert. María Claudia García wurde nach Montevideo verlegt, wo ihre Tochter María Macarena geboren und der Familie eines Hauptmanns übergeben wurde. Erst nach Jahren unermüdlicher Suche durch ihre Großeltern und Verwandten wurde Macarena im Jahr 2000 aufgespürt und die wahre Identität zurückgegeben werden. Ihre Mutter, María Claudia, gilt nach wie vor als vermisst.

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