Kampf gegen die Straflosigkeit in Argentinien

Heinrich-Böll-Stiftung, 28. September 2010, 18.30 Uhr

Podiumsdiskussion mit dem Journalisten Horacio Verbitsky, dem Bundesrichter Daniel Rafecas, dem Opferanwalt Rodolfo Yanzon, der Mitarbeiterin von H.I.J.O.S Paloma Montes Araya und Wolfgang Kaleck.

Lateinamerika kämpft bis heute mit dem Vermächtnis von Diktaturen und Bürgerkriegen der 70er und 80er Jahre. Die Aufarbeitung und Ahndung schwerer Menschenrechtsverletzungen von Seiten des Staates ist jahrelang ausgeblieben. In den letzten Jahren kam es jedoch in Argentinien, Chile, Peru, Uruguay und Paraguay zu einer Welle von Gerichtsverfahren gegen Menschenrechtsverletzer.
 
Auch in Argentinien haben die Angehörigen der 30.000 Verschwundenen der Diktatur der Militärjunta (1976-83)  nach dem großen Junta-Prozess 1985/1985 ein Jahrzehnt lang keine Antwort auf ihren Ruf nach Gerechtigkeit erhalten. Aber sie haben nicht aufgegeben  - zahlreiche und vielseitige Initiativen der Zivilgesellschaft in Zusammenarbeit mit Anwälten und Richtern auch aus Europa haben die Chance erfolgreich genutzt, die sich durch die Bereitschaft der Kirchner Regierung bot. Sie haben eine  zweite und entscheidende Runde von Justizprozessen eröffnet, die die Straflosigkeit beendet und bereits zu zahlreichen Verurteilungen geführt hat. Der Fall Argentinien ist exemplarisch und zeigt vor allem eines: Die Wunden verheilen auch dann nicht, wenn offiziell die Erinnerung an sie verweigert wird.
 
Fragen nach dem Stand der Prozesse in Argentinien und in Europa, aber auch nach den Auswirkungen auf die relativ junge argentinische Demokratie und ihre im Aufbau befindliche Bürgergesellschaft sollen mit den argentinischen Gästen diskutiert werden. Welche politischen Rahmenbedingungen und welche gesellschaftlichen Leitbilder ermöglichen heute die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit? Welche Akteure wirken mit? Welche Erwartungen werden mit den strafrechtlichen Prozessen verbunden und können sie allein den gesellschaftlichen „Heilungsprozesse" vorantreiben?
 
Nicht zuletzt ist Argentinien von Bedeutung für andere Länder Lateinamerikas und für die Zukunft der internationalen Strafjustiz, deren Prozesse weltweit immer häufiger geführt werden. Welche Wirkung sie für nationale Prozesse haben kann, aber auch welche Grenzen ihr, u.a. durch die Langsamkeit der gerichtlichen Verfahren, gesetzt sind, kann am argentinischen Beispiel ebenfalls nachvollzogen werden.

Mit:
Horacio Verbitsky
, Journalist und Autor, Präsident der Menschenrechtsorganisation CELS, beratendes Mitglied der Organisationen Human Rights Watch und Consorcio Internacional de Periodistas de Investigación
Daniel Rafecas, Bundesrichter, Ermittlungsrichter in einer Reihe der wichtigsten Prozesse gegen die ehemaligen Militärs
Rodolfo Yanzón, Rechtsanwalt der Angehörigen deutscher Folteropfer und Verschwundener in Argentinien, Mitbegründer der Anwaltsorganisation CAOS, die in allen wichtigen aktuellen Verfahren Diktaturopfer vertritt
Paloma Montes Araya, Mitarbeiterin von H.I.J.O.S, Organisation der Kinder der Verschwundenen und Getöteten der Militärdiktaturen in Lateinamerika der 1970er Jahre
Wolfgang Kaleck, Generalsekretär des ECCHR, Rechtsanwalt der Angehörigen der Verschwundenen in deutschen Verfahren, Buchautor („Kampf gegen die Straflosigkeit", erscheint am 27.9.2010)

Moderation:
Dr. Estela Schindler
, Soziologin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, freie Journalistin, Mitbegründerin des Kollektivs migrantas, Berlin

Sprache: Spanisch-Deutsch mit Simultanübersetzung

Information:
Ana Kemlein
Fon: 030 / 285 34-327
E-Mail: kemlein@boell.de

Eintritt frei
, Anmeldung nicht erforderlich

Veranstalter: Heinrich-Böll-Stiftung
Veranstaltungsort: Beletage

Zurück