Colonia Dignidad: Strafverfahren gegen Hartmut Hopp in Deutschland

Von der deutschen Justiz weitgehend unbehelligt lebt Hartmut Hopp – Arzt der berüchtigten ehemaligen deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile – seit mehr als vier Jahren in Krefeld. Das ECCHR fürchtet, dass Hopp nun aus Deutschland flüchten könnte, denn seit Kurzem liegen der Staatsanwaltschaft Krefeld alle Unterlagen der chilenischen Justiz vor, um über die von Chile beantragte Vollstreckung eines Urteils gegen Hopp zu entscheiden.
 
Hopp wurde 2011 in Chile wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, der er sich durch Flucht nach Deutschland entzog, wo ihn seine deutsche Staatsangehörigkeit vor Auslieferung schützt. Gemeinsam mit der Rechtsanwältin Petra Schlagenhauf aus Berlin hat das ECCHR die Staatsanwaltschaft Krefeld in einem Schreiben auf die mögliche Fluchtgefahr von Hopp hingewiesen. Das ECCHR fordert die Staatsanwaltschaft Krefeld auf, Hopp endlich festzunehmen.

Folter, "Verschwindenlassen" und Missbrauch während der Pinochet-Diktatur

Die 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer gegründete Colonia Dignidad, heute Villa Baviera, war ein auslandsdeutsches, festungsartig ausgebautes Siedlungsareal in Chile. Die Colonia Dignidad, in der heute noch immer etwa 280 Menschen leben, war jahrzehntelang Ort schwerster Menschenrechtsverletzungen.
 
Gegner des Pinochet-Regimes (1973-1990) "verschwanden" dort, wurden gefoltert und ermordet. Deutsche und chilenische Kinder wurden systematisch jahrzehntelang sexuell missbraucht. Hopp war „rechte Hand“ des Gründers und Führers der Colonia Dignidad, Paul Schäfer, und er vertrat die Colonia Dignidad in äußeren Angelegenheiten.

Aufarbeitung der Verbrechen in Chile durch juristische Schritte in Deutschland

Das ECCHR arbeitet seit 2011 zu den Menschenrechtsverletzungen in der Colonia Dignidad und deren Kollaboration mit der Pinochet-Diktatur. Vorrangiges Ziel ist es, durch juristische Schritte in Deutschland die Aufarbeitung in Chile zu unterstützen. Im August 2011 reichte das ECCHR eine Strafanzeige gegen Hopp bei der Staatsanwaltschaft Krefeld ein. Diese eröffnete am 31. August 2011 ein förmliches Ermittlungsverfahren unter Berufung auf die Anzeige.
 
Begleitend dazu veröffentlichte die Organisation ein Dossier über Hopp, dass dessen Rolle in der Colonia Dignidad näher beschreibt und Hinweise auf seine strafrechtliche Verantwortlichkeit als Mittäter oder mittelbarer Täter ausführt. Am 14. Februar 2012 musste Hopp erstmals als Beschuldigter vor der Staatsanwaltschaft Krefeld aussagen.

Dossier: Hartmut Hopp, Arzt der Colonia Dignidad

Colonia Dignidad, ECCHR-Stellungnahme zu Hopp, 2011-10-06 (970,6 KiB)

Strafanzeigen gegen Sekten-Arzt Hopp

ECCHR-Kooperationsanwältin Schlagenhauf reichte im Oktober 2011 für drei Mandanten zwei weitere Strafanzeigen ein. Zum einen für die Eheleute M., die jahrelang bis 2003 in der Colonia Dignidad mit Psychopharmaka misshandelt wurden und mittlerweile wieder in Deutschland leben, zum anderen für Andrés Rekas, dessen Schwester in der Colonia Dignidad im Mai 1976 verschwunden gelassen wurde. (Der Fall wurde bereits im Bericht der chilenischen Untersuchungskommission Rettig im Jahr 1991 aufge-nommen. Ein erstinstanzliches Urteil erging im Januar 2012 in Chile und endete mit Verurteilungen der chilenischen Täter und zweier Gehilfen aus der Führung der Colonia Dignidad. Das Verfahren gegen Hartmut Hopp wurde aufgrund seiner Flucht nach Deutschland ausgesetzt).
Mit dem Krefelder Ermittlungsverfahren gegen Hartmut Hopp besteht für viele Opfer die Hoffnung, dass es nach über 25 Jahren halbherziger Ermittlungen in Deutschland durch die Staatsanwaltschaft Bonn nun zu einer ernsthaften Aufklärung und Verfolgung zahlreicher schwerster Verbrechen in der Colonia Dignidad kommt. Dabei muss auch die Rolle deutscher Außenpolitik in diesem Gesamtkomplex zur Sprache kommen.
 
Ermittlungsansätze gibt es selbst in Deutschland genug. Im Jahr 1988 wurde gegen Hartmut Hopp bei der Staatsanwaltschaft Bonn ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Darin wurden zahlreiche Zeugen gehört und im Jahr 2005 durch einen chilenischen Nebenklagevertreter eine Vielzahl von Unterlagen aus dem dortigen Verfahren eingereicht. Hinzu kommt, dass einige der Geschädigten der Colonia Dignidad in Deutschland leben und konkret zum Fall Hopp aussagen könnten. Gleiches gilt für Historiker und Anwälte, die sich seit Jahren mit der Colonia Dignidad beschäftigen und die chilenischen Akten teilweise auch kennen.